Handbuch 5. Auflage
640 Möller phie berücksichtigt. Insofern gegenwärtig in kei- nem Land der Erde – trotz teilweise (etwa in Deutschland) aufgelegter landesweiter Programme (www.vielfalt-tut-gut.de, www.kompetent-fuer- demokratie.de) – erkennbar ist, dass ein derart konzeptionell gesättigtes nationales „Breitband- Konzept“ besteht, geschweige denn über die Län- dergrenzen hinweg mehr als anlassbezogen (dies z. B. im Bereich der Fußballfanproblematik) zu- sammengearbeitet wird, steht eine grundlegende Revision und Neuausrichtung an. Sie schließt ein, die Instanzen, Programme und Projekte der Ge- waltreduktion, z. B. in Kindergärten, Schulen und Einrichtungen der Jugendarbeit, sich stärker netz- werkartig abstimmen zu lassen. Mehr als bisher müssen aber auch Erwachsene als Zielgruppe, d. h. damit auch die Arbeitsfelder von Familien- und Elternbildung, einbezogen werden. Eine Abgren- zung und Abstimmung mit den Aufgaben der Poli- zei ist darüber hinaus dringend erforderlich (Möller 2010b). In ein Verbundkonzept muss aber auch schon allein aufgrund der Internationalisierung der Gewaltproblematik (z. B. grenzüberschreitende Gewaltkriminalität, länderübergreifende Zusam- menarbeit von Extremisten) eine internationale Perspektive einfließen. 4. Die angebliche Sinnlosigkeit von Gewalt vor Augen zu führen, geht von falschen Prämissen aus. Ein Ansetzen, das die voranstehenden Ana- lysen berücksichtigt, erscheint demgegenüber aussichtsreich, wenn es seinen Ausgangspunkt von einem Verständnis von Gewalt nimmt, das Gewaltakzeptanz als Element und Ergebnis eines problematisch verlaufenden Prozesses produktiver Realitätsverarbeitung versteht, der subjektiv im Dienste der Befriedigung des Bedürfnisses nach Lebensgestaltung steht. So wie Gewalt schon als gesellschaftliches Faktum nicht statisch existiert, sondern in sozialen Interaktionen stetig prozes- siert wird, so stellt sie sich auf Seiten des Subjekts als Moment eines Biographisierungsprozesses dar, der auf der Grundlage einer Kette von situativen Selbstthematisierungen erfolgt, für die die Sedi- mentierungen und der je aktuelle und konkrete Ablauf der Erfahrung in der jeweiligen Biographie die entscheidenden Referenzpunkte bilden. Leben besteht sozialisationstheoretisch betrachtet aus stetig ablaufenden Akten der Realitäts(re)pro- duktion, in denen das Erleben unter Gesichts- punkten seiner Funktionalität für Lebensgestal- tung Relevanz und Sinn erhält und das Erlebte dementsprechend subjektiv bewertet und einge- ordnet wird. Diese Gestaltungsbilanzierungen müssen syste- matischer als bislang nicht zuletzt in ihrer milieu-, migrations- und geschlechtsspezifischen Gestalt, Funktion und Wirkung untersucht und auch ent- sprechend differenziert sozialarbeiterisch bearbei- tet werden. Der Umstand, dass Gewaltakzeptanz in diesen Bilanzierungen geradezu die Rolle einer Sinnbeschafferin spielt, ist für sozialarbeiterische Strategien gegen Gewalt hochgradig bedeutsam. Er führt (nicht nur) ihnen vor Augen, dass weder moralische Appelle noch wohlgemeinte Aufklä- rungsversuche über den Sinn und Nutzen von Gewaltfreiheit oder behavioral-therapeutisierende Reaktionen zielführend sind. Stattdessen sind Konzepte der Gewaltreduktion entlang der Frage zu entwickeln, wie jener Sinn, der mittels Gewalt- akzeptanz produziert wird, durch das Angebot individuell und sozial verträglicher Sinn(herstel- lungs)bezüge ersetzt werden kann. Dies zieht u. a. nach sich, weitaus intensiver als bisher Konzepte zu verfolgen, die – gerade bezogen auf das männ- liche Geschlecht – geschlechtsreflektierend vor- gehen und Spezifiken ethnisch-kulturell gerahm- ter Orientierungen berücksichtigen. 5. Punktuelle Strategien verpuffen. Gewaltreduzie- render Sozialer Arbeit, die von den obigen Prämis- sen ausgeht, erschließen sich vielmehr mindestens drei zentrale Handlungsfelder , denen jeweils be- stimmte Aufgaben zuzuordnen sind: Im Bereich der Lebenskontrolle gilt es vor allem, AdressatInnen dabei zu unterstützen, Orientie- rungsvermögen zu erwerben bzw. zu behalten, Selbstwirksamkeit und Handlungssicherheit ver- spüren zu können, die Beeinflussbarkeit und Plan- barkeit der Lebensbedingungen zu sichern und ihre Identität soweit entwickeln und stabilisieren zu können, dass die Konsistenz, Kohärenz und Kontinuität des Selbsterlebens nicht in Frage ge- stellt wird. Im Bereich der Integration ist vordringlich, die Wahrung der Integrität der Person des Adressaten / der Adressatin sicherzustellen, ihr Erfahrungen von Zugehörigkeit, Teilhabe und – soweit möglich – so- zialem Rückhalt zu ermöglichen, Selbstwertbestäti- gungen zu vermitteln und dabei die Gültigkeit und FunktionalitätmoralischerGrundregelnwieGerech tigkeit und Gewaltfreiheit erfahrbar zu machen.
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