Handbuch 5. Auflage

644  Governance als Begriff und Konzept hat Konjunk- tur in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften und findet zunehmend Eingang in die Praxis poli- tischen und unternehmerischen Handelns. Dabei wird der Terminus, für den es keine exakte deut- sche Übersetzung gibt, keineswegs einheitlich ver- wendet (Lahner / Zimmermann 2005, 223). Für Arthur Benz gehört Governance „wie Staat oder Demokratie […] zu den komplexesten Begriffen der Sozialwissenschaften“ (Benz /Dose 2010, 17) und sei zudem „notoriously slippery“ (Benz /Dose 2010, 13 unter Verweis auf Pierre / Peters 2000). Entgegen dem Anglizismen anhaftenden Modever- dacht nutzte der Ökonom Robert Coase den Be- griff bereits in den 1930er Jahren, um im Rahmen der Institutionenökonomie darauf aufmerksam zu machen, „dass neben dem Markt auch die Unter- nehmensorganisation zur Verwirklichung effizien- ter Transaktionen in der Wirtschaft beiträgt“ (Benz /Dose 2010, 17). Bereits an dieser Stelle ist als Grundmotiv des Governance-Diskurses die Frage leitend, wie unterschiedliche Steuerungsme- chanismen bzw. -logiken ineinandergreifen (müs- sen), um ein bestimmtes Ergebnis zu erreichen. Die Rede von Governance findet sich gegenwärtig in unterschiedlichsten wissenschaftlichen und pra- xisorientierten Kontexten und Verwendungswei- sen. Aus einer analytischen Perspektive heraus geht es erstens darum, „veränderte Realitäten der politi- schen Steuerung angemessen darstellen zu können“ (Lahner / Zimmermann 2005, 223), d. h. um die Beschreibung und Erklärung von Entwicklungen im Bereich des Regierens, des Politikmachens (Governance als analytisches Konzept). Zweitens wird mit dem Governance-Begriff eine normative bzw. strategische Perspektive verbunden (Gover- nance als Reformkonzept), also Aussagen darüber, wie „gutes Regieren“ (Good Governance) in kom- plexen nachmodernen Gesellschaften aussehen kann und soll, aber auch darüber, was Kernaspekte einer angemessenen Steuerung öffentlicher, ge- meinnütziger oder privatwirtschaftlicher Organisa- tionen sind (Corporate Governance). Die Rekonstruktion dieser empirisch-analytischen bzw. normativ-strategischen Doppelperspektive of- fenbart einen Bedeutungskern des zunächst schwer zu greifenden Begriffs „Governance“: Unter Gover- nance werden „Koordinations- und Steuerungsme- chanismen“ verstanden, die „Elemente von Markt, Hierarchie, Netzwerken und Gemeinschaften ent- halten“ und „Wettbewerb, Tausch, einseitige Macht­ ausübung, Verhandlungen, Vertrauen, einseitige bzw. wechselseitige Anpassung u. a. in unterschied­ lichen Kombinationen“ miteinander verbinden (Benz/Dose 2010, 11). Governance als politische und organisationale Steuerung im mix of modes Governance als analytisches Konzept Insbesondere in der Politikwissenschaft, aber auch in der Verwaltungswissenschaft, steht Governance zunächst „für eine analytische Perspektive, die an- gesichts scheinbar undurchschaubarer und über- komplex gewordener Strukturen und Verfahren kollektiven Handelns in Staat, Wirtschaft und Ge- sellschaft für Übersicht sorgen soll“ (Benz /Dose 2010, 32). Beschrieben werden Regelungsstruktu- ren und Regelungsweisen auf unterschiedlichen Ebenen (z. B. Organizational Governance, Local Governance, Governance im Staat und Global Governance) und für unterschiedliche Felder (z. B. educational governance, welfare governance usw.). Dabei geht es im Wesentlichen um zwei Phäno- Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4az.art005, © 2013, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München Governance Von Paul-Stefan Roß und Günter Rieger

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=