Handbuch 5. Auflage
Governance 645 mene: Erstens werden zunehmende – und zuneh- mend komplexere – gesellschaftliche Verflechtungen bzw. Interdependenzen in den Blick genommen. Analysiert wird die immer stärkere Auflösung der Grenzen a) zwischen kommunaler, nationaler und internationaler Ebene; b) zwischen verschiedenen Funktionssystemen; c) zwischen Staat, Markt und Assoziationen; d) zwischen Politikfeldern. Dabei handelt sich bei den unter b) und c) genannten Punkten um jene Phänomene, bei denen auch die Theorie des Wohlfahrtspluralismus (s. u.) ansetzt. Zweitens und vor allem geht es um das Phänomen von Veränderungen bei der Steuerung solcher komple- xen Interdependenzen . Zunächst sei das Modell skiz- ziert, das der Beschreibung und Analyse dieser Ver- änderungen zugrunde liegt (Roß 2012, 314–320). Moderne ausdifferenzierte Gesellschaften lassen sich darstellen „als prekäres Gefüge aus verschiede- nen Teilsystemen mit unterschiedlichen rivalisie- renden und konkurrierenden Ordnungsprinzipien“ (Evers 2004, 5). Unterschieden werden können der Informelle Sektor , der Assoziative (Dritte) Sektor , der Staat sowie der Markt (Evers 2011; Roß 2012, 317). Diese Sektoren stellen keine klar voneinander abge- grenzte „Territorien“ dar, sondern sind vor allem gekennzeichnet durch je eigene Systemlogiken, Zu- gangsregeln und Zentralwerte. Diese gesellschaftlichen Sektoren sind in sich kei- neswegs homogen. Zudem lassen sie sich nicht völ- lig trennscharf gegeneinander abgrenzen, sondern überlappen einander teilweise. Zwar sind in den einzelnen Sektoren jeweils bestimmte Grundfor- men der Steuerung dominant (Staat–Hierarchie; Markt–Wettbewerb; Assoziationen–Mitgliedschaft; Gemeinschaften–Reziprozität usw.), aber kein Teil- bereich ist mithilfe einer der Grundformen allein zu verstehen. Die Sektoren setzen sich wechselseitig Kontextbedingungen und sind zugleich auf – sei- tens der jeweils anderen Bereiche gesetzte – Rah- menbedingungen angewiesen, die sie selbst nicht schaffen können. In Bezug auf politische Steuerung hat jeder dieser Sektoren einerseits spezifische Leis- tungsfähigkeiten und andererseits spezifische sys- temimmanente Leistungsgrenzen. Daher kann kei- ner der gesellschaftlichen Teilbereiche beanspru- chen, allein mittels seiner „eigenen“ Institutionen und Funktionslogiken Politik zu gestalten. Eine ste- tige latente Gefahr besteht darin, dass die spezifi- sche Funktionslogik eines der Sektoren die anderen Bereiche dominiert. Galt Politiksteuerung lange Assoziationen (Dritter Sektor) Institutionen: Organisationen (Kirchen, Gewerkschaf- ten, Parteien, Wohlfahrts-, Umwelt-, Menschenrechts- verbände usw.), bürgerschaftliche Assoziationen (Vereine, Gruppen, Stiftungen usw.) Funktionslogik: freiwillige Mitgliedschaft, Ver- handlung, Vertrauen, Interessenvertretung Zentralwerte: Solidarität + Aktivität Markt Institutionen: Unternehmen und Be- triebe Funktionslogik: Tausch über das Me- dium Geld (Kaufen/Verkaufen), An- gebot/Nachfrage, Kundenorientierung, Wettbewerb Zentralwerte: Freiheit + Gewinnmaximierung Primäre Netze (Informeller Sektor) Institutionen: Familie, Freundeskreis, Nach- barschaft Funktionslogik: Zugehörigkeit, Askription, Zuneigung, nichtmonetärer Tausch Zentralwerte: Verpflichtung + Reziprozität Staat Institutionen: Parlamente (Legislative), Verwaltung (Exekutive) und Justiz (Jurisdiktion) auf unterschiedlichen föderalen Ebenen Funktionslogik: Legalität (Recht), Ressourcenverteilung, verbindl. Entscheidungen/Gewaltmonopol, Hierarchie Zentralwerte: Gleichheit + Sicherheit Abb. 1: Sektoren und Funktionslo- giken politischer Steuerung (Roß 2012, 316)
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=