Handbuch 5. Auflage

66  Alter Von Gerhard Naegele Sozialpolitik und soziale Risiken Sozialpolitik reagiert im Rahmen ihrer traditionel- len Schutzfunktion auf soziale Risiken und Probleme und zielt dabei auf die Vermeidung und Überwin- dung von sozialen Ungleichheiten . In der Praxis er- folgt dies zumeist in kompensatorischer Weise, da- gegen sehr viel seltenermit präventiver Zielrichtung. In einer weitergehenden normativen Zielperspek- tive, der hier gefolgt wird, sollte sozialpolitisches Handeln stets der „ Gesellschaftsgestaltungsfunktion “ von Sozialpolitik folgen, d. h. mit ihren Maßnah- men immer auch auf die gewollte und gezielte Ge- staltung und Verteilung der Lebenslagen einwirken (Preller 1962). Damit würde Sozialpolitik im Zuge des allgemeinen politischen, sozialen und demogra- fischen Wandels selbst zu einem eigenständigen Gestaltungs- und Steuerungsinstrument der Wand- lungsprozesse und damit ganz entscheidend zur Weiterentwicklung und Modernisierung der Ge- sellschaft beitragen, u. a. auch die Herausbildung neuer Lebensformen oder sich wandelnder Ge- schlechter- und Generationenverhältnisse unter- stützen und somit insgesamt an der sozialen Aus- gestaltung der Gesellschaft beteiligt sein. Soziale Risiken und Probleme überfordern – im Gegensatz zu den „privaten“ – den einzelnen und / oder seine Familie / privates Netzwerk in seiner / ihrer Problemlösungsfähigkeit und erfor- dern i. d. R. sozialpolitische Einrichtungen und Maßnahmen. Ihr Auftreten erfolgt zumeist kei- neswegs zufällig, sondern – wie die Empirie zeigt – häufig nach bestimmten sozial-struk­ turellen Mechanismen und Strukturmerkmalen (insbesondere sozio-ökonomischer Status, Alter, Geschlecht, ethnisch-kultureller Hintergrund, Unterschiede in Lebensläufen und -stilen) („So- ziale Ungleichheiten als Ausgangspunkte für Sozi- alpolitik“) (Bäcker et al. 2010). Altern der Gesellschaft Wie alle modernen Gesellschaften so ist auch Deutschland von einem demografischen Um- bruch mit der Folge einer Alterung der Bevölke- rung gekennzeichnet. Verantwortlich dafür sind im Wesentlichen die anhaltend niedrige Gebur- tenhäufigkeit sowie der kontinuierliche Anstieg der Lebenserwartung. Auch die starken Zuwan- derungen in den zurückliegenden Jahrzehnten haben den Alterungsprozess der Bevölkerung nur abbremsen, aber nicht aufhalten können. Zu un- terscheiden ist ein dreifaches Altern der Gesellschaft (Tews & Naegele 1993) . Damit gemeint ist die Zunahme der absoluten Zahl älterer Menschen, ■ ■ der wachsende Anteil der älteren Menschen an der ■ ■ Gesamtbevölkerung und der starke Anstieg der sehr alten Menschen im Al- ■ ■ ter von 80 Jahren und mehr. Die Zahl der älteren Menschen nimmt laufend zu. So hat sich die Zahl der 60 Jahre und älteren Ein- wohner in Deutschland (alte und neue Bundeslän- der zusammen) wie folgt entwickelt: 15,2Mio. im Jahr 1980, 16,3Mio. im Jahr 1990, 19,4Mio. im Jahr 2000 und etwa 21,5Mio. im Jahr 2010. Der Anteil der 60 Jahre und älteren Menschen an der Gesamtbevölkerung stieg von 19,4% in 1980 über 20,4% in 1990 und 23,6% im Jahre 2000 auf etwa 26% im Jahr 2010. Ein wesentlicher Grund für die starke Zunahme der 60-Jährigen und älteren Menschen an der Ge- samtbevölkerung liegt im Anstieg der sog. ferneren Lebenserwartung . Betrug sie für die 60-jährigen Frauen im Jahre 1970 noch 19,1 Jahre bzw. für die gleichaltrigen Männer noch 15,3 Jahre, so lässt sich bis zum Jahr 2002 / 2004 für die Frauen ein An- stieg um 5 Jahre auf 24,1 Jahre bzw. für die Männer Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art005, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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