Handbuch 5. Auflage
Hilfe 683 Funktionssystem „Soziale Hilfe“ wird als eine Form gesellschaftlicher Kommunikation betrach- tet, welche spezifische Formen von Hilfe erwart- bar macht, um Exklusionsprozesse anderer Funk- tionssysteme imModus stellvertretender Inklusion zu neutralisieren (Baecker 2000; Merten / Scherr 2004). Ein Anschluss an die Hilfesemantik ge- schieht hier aus zwei Gründen: zum einen im Rückgriff auf Luhmanns Vorschlag, Formen des Helfens im Wandel gesellschaftlicher Bedingun- gen zu analysieren, zum anderen weil der Hilfe- begriff gerade aufgrund seines semantischen Reichtums auch auf diesem Abstraktionsniveau angesiedelt werden kann. Obgleich diese Debatte als unabgeschlossen bezeichnet werden kann, scheint sie über ein reichhaltiges theoretisches Potenzial zu verfügen. Ein weiterer Kristallisationspunkt der Debatte be- ■ ■ steht in einer theoretischen Reformulierung des helfenden Handelns. „Helfen“ kann im Rahmen der systemtheoretischen Debatte nicht mehr als „einfache Intervention“ quasi technisch reduziert werden, im Gegenteil: Ein kausales oder finales Verständnis des Helfens wird als systemimmanen- tes, kontingentes Programm interpretiert (Maaß 2009). Die Auswirkungen auf die Fragen metho- dischen Handelns in der Sozialen Arbeit sind hier bei weitem noch nicht geklärt. Allerdings zeichnen sich Hinweise ab (Baecker 1997; Eugster 2000), die Methoden weniger als Interaktionsverhältnisse, sondern stärker als codegesteuerte Kommunikati- onsprozesse auffassen, in deren Verlauf die „Ge- nese des Klienten“ geschieht. So scheint die sys- temtheoretische Analyse des Helfens dessen systeminterne Funktion präziser erhellen zu kön- nen, als es auf der Basis normativ angelegter Orga- nisationskritik möglich war. Die Ambivalenz des Helfens in der Sozialen Arbeit erweist sich so als der Beobachtung zugänglich und kommunizierbar (Wirth 2005). Der am meisten umstrittene Aspekt in dieser De- ■ ■ batte dürfte die Frage nach dem normativen Ge- halt der Hilfesemantik sein. So zeichnen sich in die- ser Debatte bereits zwei Auffassungen ab: eine Position, die ethische Fragen als konstitutiv für die Theorie ansieht und sie folglich in die Theorie ein- baut (Staub-Bernasconi 2007; Heiner 1995), sowie eine Position, die ethische Fragen zum Gegenstand der Beobachtung macht (Baecker 1994; 1997; Merten 1997; Wirth 2005). Die Diskrepanz, die sich hier auftut, hängt auch mit der unterschiedli- chen Auffassung des Hilfebegriffs zusammen. Zum einen wird der traditionelle Hilfebegriff verwendet, der „Helfen“ stets im Kontext des „Unterstützens und Verbesserns“ interpretierte, zum anderen wird der Hilfebegriff im systemtheoretischen Kontext im Hinblick auf ein Kommunikationsmedium hin inter- pretiert. Das Irritationspotenzial von Werten (Luh- mann 1997, 789 ff.) im Hinblick auf ein Funktions- system Sozialer Hilfe harrt noch der Analyse. Literatur Arlt, I. v. (1921): Grundlagen der Fürsorge. Österreichischer Schulbücherverlag, Wien Baecker, D. (2000): „Stellvertretende“ Inklusion durch ein „sekundäres“ Funktionssystem: Wie „sozial“ ist die soziale Hilfe? In: Merten, R. (Hrsg.): Systemtheorie Sozialer Ar- beit. Leske&Budrich, Opladen, 39–46 – (1997): Helfen im Kontext eines Funktionssystems. In: Vogel, H.-Ch., Kaiser, J. (Hrsg.): Neue Anforderungspro- file in der Sozialen Arbeit. Kersting, Aachen – (1994): Soziale Hilfe als Funktionssystem der Gesellschaft. Zeitschrift für Soziologie 23, 93–110 Bang, R. (1964): Die helfende Beziehung als Grundlage der persönlichen Hilfe: Ernst Reinhardt, München / Basel Bäumer, G. (1929): Die historischen und sozialen Vorausset- zungen der Sozialpädagogik und die Entwicklung ihrer Theorie. In: Nohl, H., Pallat, L. (Hrsg.), 3–17 Bellebaum, A., Becher, H.J., Greven, M.T. (Hrsg.) (1985): Helfen und helfende Berufe als soziale Kontrolle. VS Ver- lag, Opladen Böhnisch, L. (2004): Sozialpädagogik der Lebensalter. 5.Aufl. Juventa, Weinheim –, Lösch, H. (1973): Das Handlungsverständnis des Sozial- arbeiters und seine institutionelle Determination. In: Otto, H.-U., Schneider, S. (Hrsg.): Gesellschaftliche Per- spektiven der Sozialarbeit. Bd. 2. Luchterhand, Neu- wied/Berlin, 21–40 Bommes, M., Scherr, A. (1996): Soziale Arbeit als Exklusi- onsvermeidung, Inklusionsvermittlung und/oder Exklusi- onsverwaltung. In: Merten, R., Sommerfeld, P., Koditek, Th. (Hrsg.): Sozialarbeitswissenschaft – Kontroversen und Perspektiven. Luchterhand, Neuwied, 93–119 Brezinka, W. (1957): Erziehung als Lebenshilfe. Österrei- chischer Bundesverlag, Wien
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