Handbuch 5. Auflage
682 Gängler gik“ in den 1970er und 1980er Jahren. Die zuneh- mende Verberuflichung des sozialpädagogischen Handelns hat ambivalente Konsequenzen für die helfende Beziehung: Einerseits wird eine Entper- sönlichung, Anonymisierung bis hin zur Herrschaft durch Experten beklagt, andererseits werden enorme Anstrengungen zur Verbesserung des me- thodischen Instrumentariums der Hilfeleistungen unternommen. Um die Nachteile aufzuheben und dennoch methodisch geleitetem, strukturiertem Handeln verpflichtet zu bleiben, präferiert die zeit- genössische Theorie der sozialpädagogischen In- tervention komplexe Handlungsmuster, die unter dem Stichwort „lebensweltorientierte Methoden“ (Grunwald /Thiersch 2004) und als strukturierte Anleitungen des Fallverstehens (Müller 1993) kon- zipiert sind. Man kann die Auseinandersetzung um die Funk- c. tion der Sozialpädagogik in den siebziger Jahren auch als ethische Diskussion begreifen. Das Stich- wort des „doppelten Mandats“ (Böhnisch / Lösch 1973) verdeutlichte diese Paradoxie der sozial Tä- tigen, einerseits ihren Auftraggebern (Staat, Kom- mune etc.) verpflichtet zu sein, andererseits An- walt und Interessenvertretung der Hilfsbedürftigen zu sein. Diese Problematik, die Thiersch einmal als „kontrollierte Schizophrenie“ bezeichnet hat (Thiersch 1986), führte seit Mitte der 1980er Jahre zu einer intensiveren Beschäftigung mit Fra- gen sozialpädagogischer Berufsethik (Rauschen- bach /Thiersch 1987; Müller /Thiersch 1990; Brumlik 1992; Thiersch 1995). Gemeinsam bleibt diesen Diskussionen die Anerkennung der struk- turellen Asymmetrie innerhalb der helfenden Be- ziehung sowie die Auseinandersetzung darüber, ob und wie diese Asymmetrie gegebenenfalls auf- zuheben sei. Diese jüngeren Entwicklungen lassen Konsequen- zen für die sozialpädagogische Semantik insgesamt erkennen: Die Koppelung von Hilfe- und Erzie- hungsbegriff ermöglichte einerseits die erzie- hungswissenschaftliche Beschäftigung mit dem Feld der Sozialen Arbeit. Die damit mögliche wissenschaftliche Sozialpädagogik verdankte ihre semantische Eigenständigkeit stärker der Refle- xion der Hilfethematik als der Erziehungsthema- tik. Die Spezialisierung der sozialpädagogischen Semantik auf Hilfe führte auch dazu, dass im Zuge der Ausdifferenzierung der Erziehungswis- senschaft in Teildisziplinen der Komplex „Hilfe“ aus dem Kontext der Allgemeinen Pädagogik aus- gelagert wurde (Tenorth 1989). Durch die sozial- wissenschaftliche Kritik am Hilfebegriff wurde dieser ebenfalls differenziert, so dass er kein ein- heitliches Orientierungsschema mehr bilden konnte. Allerdings bewahrt der umgangssprachliche Ge- brauch des Begriffs „Hilfe“ in sozialpädagogischen Diskursen die Erinnerung an den ethisch-morali- schen Aspekt der Hilfehandlung – etwa in Formu- lierungen wie „Hilfe zur Selbsthilfe“ oder „Hilfen zur Lebensbewältigung“ (Böhnisch 2004; Thiersch 2009). Der Gebrauch des Begriffs „Hilfe“ reprä- sentiert sozusagen den normativen Kern der Sozial- pädagogik – und dies um den allerdings hohen Preis, dass dieser normative Kern inhaltlich vage und unbestimmt bleibt. Die Problematik der ethi- schen Fundierung der Sozialen Arbeit ist durch den bloßen Gebrauch eines emphatischen Hilfebegriffs allerdings nicht gelöst. Er könnte aber die stete Er- innerung an diese Problematik gegenüber einer funktionalistisch verkürzten Dienstleistungstheorie oder einer technologisch verkürzten Methodende- batte wach halten. Theoretische Renaissance des Hilfebegriffs? Ein Ausblick Neuerdings kam eine intensivere Auseinanderset- zung mit dem Begriff „Hilfe“ imZuge der Rezeption systemtheoretischer Ansätze in Gang. Drei Aspekte dieser Debatte, die sich hier im Einzelnen nicht de- tailliert nachzeichnen lässt (als Überblick Merten 2000; Wirth 2005), regten eine theoretische Renais- sance des Hilfebegriffs an. Ein Strang dieser Debatte orientiert sich an der ■ ■ Frage, ob sich im Laufe der gesellschaftlichen Dif- ferenzierung ein eigenständiges Funktionssystem „Soziale Hilfe“ herausgebildet hat (Baecker 1994; Weber / Hillebrandt 1999; Hillebrandt 1999; Maaß 2009). Sie greift damit Anregungen Niklas Luhmanns (1973) auf, die nur sehr zögerlich in- nerhalb des Theoriediskurses der Sozialen Arbeit rezipiert wurden (Gängler 2000). Es handelt sich um Bausteine zu einer gesellschaftstheoretischen Begründung der Sozialen Arbeit im Kontext einer Theorie gesellschaftlicher Differenzierung. Das
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=