Handbuch 5. Auflage

696 Moch  Teilhabe der durch die Hilfen erreichten Menschen im Mittelpunkt stehen. Internationale Perspektiven Angesichts der zunehmenden (auch sozial-)politi- schen Verschränkungen zwischen den europäischen Staaten lohnt sich ein Blick auf deren Gemeinsam- keiten und Unterschiede hinsichtlich der Erzie- hungshilfen. In Rechnung gestellt wird, dass die Ausgangssituationen für die länderspezifischen Umstrukturierungen in der jüngeren Vergangen- heit sehr unterschiedlich sind, und zwar vor dem Hintergrund tiefgreifender Traditionen. Dennoch lassen sich einige gemeinsame Trends in Europa be- obachten (Ministerium für Arbeit, Soziales, Ge- sundheit, Familien und Frauen Rheinland-Pfalz 2007): Im Spektrum der Formen von Fremdunter- bringung junger Menschen gewinnt die (teilweise professionalisierte) Pflegefamilie gegenüber dem Heim an Gewicht. Kleinere Betreuungseinheiten gewinnen an Boden und es entstehen differenzier- tere Formen der Hilfe, auch zunehmend in räumli- cher Nähe zum Herkunftsmilieu. Die Rechte der Kinder sowie die Verantwortung der Eltern erhal- ten größeren Stellenwert und es wird vielerorts – im Sinne von Normalisierung – auf eine Integration von stationären und ambulanten Erziehungshilfe- Formen hingearbeitet. Dennoch unterscheiden sich die meisten europäischen Länder erheblich in ihren entsprechenden Strukturen. Wie Trede (2004, 109) (anhand von vorsichtig zu interpretie- renden Daten) nachweist, deutet sich eine große Diskrepanz bei den länderspezifischen Unterbrin- gungspraxen an: Während beispielsweise in Polen in den frühen 1990er Jahren von 1000 Gleichalt- rigen elf junge Menschen fremduntergebracht wa- ren, betrug diese Quote in Deutschland 7,4, in England 3,4 und in Spanien 2,4. In Großbritannien sind in den vergangenen Jahr- zehnten etliche Parallelen zur deutschen Entwick- lung festzustellen, etwa was die Stärkung der El- ternrechte und den Blick auf spezifische Bedarfe betrifft (Gabriel 2001). Zugleich spielen jedoch in erster Linie die Erziehung in Pflegefamilien sowie die Internatserziehung erheblich größere Rollen als in Deutschland (Kendrick 2008). Die tendenziell kürzeren Maßnahmen sind in größerem Maß zen- tralistisch gesteuert und eine öffentlich geförderte, praxisbezogene Evaluationsforschung ist stark etab- liert. In Bezug auf die Qualifizierung stationärer Hilfen wurde in den vergangenen Jahren ein erheb- licher Nachholbedarf im Sinne eines „sozialpäd­ agogischen“ Grundverständnisses festgestellt (Pe- ters 2008, 96 ff.). Die Administration der Erziehungshilfen in der Schweiz kontrastiert zu der in Großbritannien am deutlichsten. Die Routinen und Verfahren des Zu- gangs zu den Hilfen sowie deren Umsetzungspraxis sind stark von den jeweiligen sozialräumlichen Ge- gebenheiten und Traditionen geprägt. Bezüglich der Verfahren zur Bedarfsfeststellung, Hilfeplanung, Be- troffenenbeteiligung und Durchführung bestehen zwischen den Kantonen große Unterschiede (Arnold et al. 2008). Insgesamt sind die Verfahren rechtlich wenig verankert und liegen teilweise in der Verant- wortung der einzelnen Gemeinden. Ein traditionell starkes Pflegekinderwesen wird ergänzt durch regio- nale Heimgruppen sowie durch schulbezogene Un- terbringungsformen. In Frankreich ist die Bedeutung der Erziehungshilfen stark von der Tatsache überlagert, dass sehr viele Kinder bereits ab dem 3. Lebensjahr in das Schul- system integriert sind. Somit erfahren dort auch be- sonders gefährdete Kinder entsprechende Diagnos- tik und Förderung. Gesundheits-, Justiz- und Sozialsystem agierten lange Zeit mit relativ getrenn- ten Konzepten. Infolge der Dezentralisierung in den 1980er Jahren hat das jeweilige Departement we- sentlichen Einfluss auf die Durchführung und die Ausstattung von Erziehungshilfen, die primär prä- ventiven und familienunterstützenden Charakter haben, jedoch auch regional belegte und finanzierte stationäre Hilfen umfassen (Deroide 1997). In Spanien wurde die langjährige Tradition im Be- reich der Adoptionen durch eine stärkere rechtliche Verankerung von Pflegeverhältnissen abgelöst (Hamburger/Höffer-Mehlmer 1992). Daneben wurden die Rahmenbedingungen für Kurzzeitunter- bringungen in Familien sowie für gemeindenahe, familienergänzende Hilfen verstärkt. Heimunter- bringung mit Trennung von der Herkunftsfamilie wird nur als letzte Möglichkeit in Betracht gezogen. In den östlichen Nachbarländern innerhalb der Euro- päischen Union hat sich – im Zuge der gesamtgesell- schaftlichen Umwälzungen – ab der Jahrtausend- wende ein erheblicher Wandel im Verständnis und der Praxis sozialstaatlichen Handelns vollzogen, wovon auch die Erziehungshilfen betroffen sind

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