Handbuch 5. Auflage

700  Individuum/ Identität Von Heiner Keupp Im alltagssprachlichen Gebrauch scheinbar vertraute Begriffe erweisen sich bei genauerer Analyse als höchst voraussetzungsvoll und komplex. Das gilt auch für den Individuumsbegriff. Vom lateinischen Wortstamm her soll mit ihm etwas „Unteilbares“ erfasst sein. In der griechischen und mittelalterlichen Philosophie ist er für das Atom verwendet worden, also für eine nicht weiter aufspaltbare Grundeinheit der Welt. Aber so wie inzwischen die Spaltbarkeit des Atoms möglich ist, so ist auch die Vorstellung, das Individuum sei etwas Letztes und nicht mehr hintergehbares, längst dekonstruiert. Theodor Litt sieht im Zusammenhang mit dem Individuumsbegriff die „Gefahr vielfacher Be- griffsverwirrung“ (1926, 163). Das hat zum einen damit zu tun, dass er ungenügend von solchen Begriffen wie „Individualität“, „Individualismus“, „Individuation“ oder „Individualisierung“ abge- grenzt ist, die ihn ja alle im Wortstamm auf- bewahren. Hinzu kommen andere Begriffe, wie „Subjekt“ oder „Identität“, die im gleichen Be- deutungsfeld für sich Sinn beanspruchen. Alle diese Begriffe thematisieren den einzelnen Men- schen unter einer je spezifischen Perspektive: „Individualität“ bezieht sich auf das je Spezifische einer Person. Der Mensch wird als Einzelwesen in seiner einmaligen Existenz und mit unverwechsel- baren Merkmalen wahrgenommen. „Individuation“ formuliert eine normative Vorstel- lung von dem aktiven Bemühen um die Herausbil- dung einer individuellen Besonderheit: Gewinnung einer eigen- und selbstständigen Persönlichkeit. „Individualismus“ drückt ebenfalls eine starke Wer- tung aus. In den Diskursen über die Rechte der Gemeinschaft gegenüber den Individualinteressen wird vom Individualismus den individuellen Rech- ten und Interessen Priorität eingeräumt. In aller Regel wird er deshalb in einer Verwandtschaft zum Egoismus gesehen und negativ konnotiert. „Individualisierung“ ist am präzisesten als soziologi- sche Kategorie im Rahmen von Modernisierungs- theorien bestimmt worden, und bezeichnet in aller Regel einen Prozess, „in dem die Abhängigkeit des Individuums von seiner unmittelbaren Umge- bung“ abnimmt (van der Loo / van Reijen 1992, 161). Traditionelle Lebensformen mit ihrem hohen Normierungsleistungen für individuelles Handeln verlieren in diesem Prozess an Bedeutung für die individuelle Lebensführung, und das einzelne Sub- jekt muss sich im Rahmen seiner gesellschaftlichen Ressourcen eine eigene Lebensform erarbeiten. „Identität“ kann als innere Selbstthematierung des Subjekts verstanden werden, das sich Antworten auf folgende Fragen zu geben versucht: Wer bin ich? Was will ich, was kann ich sein? Wo ist mein Platz in der Gesellschaft? (Bauman 1995, 54). Der Begriff „Subjekt“ setzt den Einzelnen in eine Relation zur sozialen Wirklichkeit und sieht die Person als aktive Instanz der Erkenntnis und Praxis, die zielgerichtet auf die natürliche und soziale Um- welt einwirkt. Der Subjektbegriff transportiert also auch eine spezifisch normative Vorstellung von der Person: Sie setzt sich in ein gestaltendes Verhältnis zu ihrer Welt und ist nicht nur passives Produkt ihrer natürlichen und gesellschaftlichen Lebens- bedingungen. Die „Geburt“ des modernen Individuums Schon in den Sozialphilosophien von Platon und Aristoteles ist das Verhältnis von Gesellschaft und Individuum höchst unterschiedlich gedacht wor- den. Die „platonische“ und die „aristotelische“ Sichtweise der Zuordnung von Individuum und Gesellschaft, die später als Gegensatzpaar von „so- ziozentriertem“ und „individuozentriertemAnsatz“ Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art065, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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