Handbuch 5. Auflage

Individuum / Identität  701 bezeichnet werden, durchziehen die lange Vorge- schichte der Sozialwissenschaften. Der „platoni- sche“ oder „soziozentrierte Ansatz“ geht von der Prämisse aus, dass der einzelne Mensch nur dann zu einem sozialen Wesen werden kann, wenn er von gesellschaftlichen Prägeinstanzen dazu erzogen wird. Für den „aristotelischen“ oder „individuozen- trierten Ansatz“ ist das Individuum von Natur aus auf Gesellschaft hin angelegt. Der Mensch bringt die Befähigung zum Zusammenleben von Natur aus mit, kann Beziehungen zu anderen Menschen eingehen und auf dieser Voraussetzung aufbauend, können sich soziale Mikro- und Makrogebilde (von der Familie, über Sippen, Stämme bis zum Staat) entwickeln. Mit dem Christentum haben sich die sozialphi- losophischen Grundfragen der griechischen Klassik deutlich zugespitzt, denn es hat den Menschen in den Mittelpunkt gerückt und hat so entscheidend zu einem individuozentrierten Welt- und Men- schenbild beigetragen. Die volle Entfaltung des individualisierenden Potenzials des Christentums hat sich dann erst in der protestantischen Reforma- tion vollzogen, die sich an der Epochenschwelle zur Moderne vollzog. Das Individuum tritt voll in die Geschichte ein und definiert sich zunehmend als selbstbewusster Produzent und Herrscher gesell- schaftlicher Ordnung. Das Ende des Mittelalters und die mit der Renais- sance anbrechende Neuzeit sind durch einen para- digmatischen Wendepunkt bezeichnet: Der Mensch wird als Subjekt zum Angelpunkt. In der sich etab- lierendenModerne oder – in einer anderenTradition benannt – in der entstehenden bürgerlichen Gesell- schaft erkennt sich das Individuum als handelndes und begreifendes Zentrum der Welt, das nicht mehr bereit ist, sich von einer äußeren Instanz definitiv sagen zu lassen, „was die Welt im Innersten zusam- menhält“. Letzte Instanz von Wahrheit werden jetzt Zweifel und Gewissheit des Individuums. Nur die Erkenntnisse, die die eigene Vernunft verifizieren kann, können Sicherheit und Orientierung in der Welt garantieren. Alle Lebensmaximen, die sich auf traditionelle Autoritäten und Gewohnheiten beru- fen, werden prinzipiell angezweifelt. Die gemein- schaftliche Übereinkunft, die der vernunftgesteuer- ten Nachprüfung durch den einzelnen nicht standhält, verliert jede Legitimation. Diese aus einem naturhaft gedachten Kosmos he- raustretenden Individuen sind nicht mehr selbstver- ständlich miteinander verbunden, nicht mehr Teil einer Ordnung, die jedem Einzelnen seinen Platz zuwies und damit zugleich die Relation der Indivi- duen zueinander bestimmte. Der sich jetzt individu- ierende Einzelne muss die Beziehungen zu den an- deren Individuen regeln. Kein göttlicher Heilsplan kann mehr das geordnete Zusammenleben garan- tieren, es muss in vertraglicher Form ausgehandelt und vereinbart werden. Im Verhältnis zur bis dahin gültigen sozialen Ordnung stellen solche neuen Grundüberzeugungen ein revolutionäres Potenzial dar. Das sich in ihnen neu konstitutierende bürger- liche Subjekt bricht prinzipiell mit den bisherigen Autoritäten (vor allem Kirche und Feudalherrschaft) und sucht sich seine neue Ordnung. In diesem Um- wälzungsprozess ist auch der Ursprung der neuzeitli- chen Psychologie zu sehen. Sie speist sich aus dem Bedürfnis der Bürger, „sich selbst zu finden“ und nicht fremdbestimmt zu definieren. Nicht mehr die kategoriale Zugehörigkeit zu einem spezifischen Kollektiv, Stand oder „Wir“ sollte dem Individuum die Antwort vorgeben dürfen, wer es denn sei. „Indi- viduen, die sich als sich selbstbestimmende, auto- nome Souveräne, für sich selbst verantwortliche Ver- fasser ihrer eigenen Lebenswerke verstanden, wurden die zentralen Akteure auf der sozialen Bühne“ (Sam- pson 1989, 915). Die „Freisetzung“ aus den feu- dalen Formen des Fremdbesitzes ist Voraussetzung für die neue Besitzordnung. Das Subjekt versteht sich „als Eigentümer seiner selbst“ (Macpherson 1967, 15). Das moderne Individuum ist aber nicht nur eine „Kopfgeburt“, eine neue Interpretationsfolie für ei- nen substantiell wenig veränderten Zustand der In- dividuen. Wie Max Weber und vor allem Norbert Elias aufgezeigt haben, benötigte die entstehende bürgerliche Ordnung spezifische Sozialcharaktere, die sich vor allem durch eine tiefe Identifikation mit Arbeit und durch eine verinnerlichte Selbstkontrolle auszeichneten. In den Individuen wurden spezi- fische Motivbündel kulturell verankert, die zu einem „Wollen des Gesollten“ führten. Verallgemeinernd kann man sagen, das Individuum erhält durch die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse eine innere „Zurichtung“, die in seinen persönlichen Habitus eingeht und nicht nur einfach ein Mantel ist, der je nach Gelegenheit übergestreift, aber dann auch wie- der abgelegt werden kann. Die Kategorie Individuum spannt in den geläu- figsten Verwendungsweisen einen Rahmen auf, in

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