Handbuch 5. Auflage

709 Informationstechnologien in der Sozialen Arbeit Von Thomas Ley und Udo Seelmeyer Die informationstechnologische Durchdringung von Lebens- und Arbeitswelten Informationstechnologien haben in den letzten Jahrzehnten unsere Lebens- und Arbeitswelt so nachhaltig verändert wie kaum eine andere Inno- vation (Rosenberg 2004). Dies gilt für die wirt- schaftliche Neuordnung von Produktionsformen und -weisen (Castells 2004; Schmiede 1996), den alltäglichen Medienkonsum (Projektgruppe ARD / ZDF-Multimedia 2007; für Jugendliche: Medienpädagogischer Forschungsverbund Süd- west 2008) und Formen sozialer Kommunikation (Münker 2009) ebenso, wie für die Verarbeitung von Wissen (Degele 2000). Insbesondere das In- ternet hat sowohl neue Geschäftsmodelle (E- Commerce), als auch neue soziale Communities hervorgebracht und kann als ein weitläufiger „In- formationsraum“ (Boes 2005) beschrieben wer- den. Die wissenschaftliche Reflexion der Informa- tisierung postindustrieller Gesellschaften hat spätestens seit den 1970er Jahren verschiedene Diskurswellen hervorgebracht (Boes et al. 2006; Degele 2002, für die Soziale Arbeit Bolay / Kuhn 1993). So wurde die gegenwärtige Epoche bereits durch mehrere Labels und zeitdiagnostische Per- spektiven beschrieben: als post-industrielle Ge- sellschaft, als sechster Kondratieff ’scher Entwick- lungszyklus der Information (Nefiodow 2006), als Informationsgesellschaft (Capurro 1995; Steinbicker 2001), Wissensgesellschaft (dazu kri- tisch Bittlingmeyer 2008), Netzwerkgesellschaft (Castells 2004) oder auch als digitaler Kapitalis- mus (Schmiede 1996, dazu kritisch Pfeiffer 2004, 16 ff.). Während die reale Wirkkraft von Informa- tisierung immer stärker zum Tragen kommt, nimmt allerdings die Diskussion um die gesell- schaftliche Gestaltbarkeit dieser Prozesse in be- merkenswerter Weise ab (Boes / Pfeiffer 2006, 19 f.). In der Sozialen Arbeit wurden Folgen für die Adressaten und mögliche veränderte Funktions- zuschreibungen für die Institutionen Sozialer Ar- beit nur vereinzelt skizziert (Scherr 2002; Hom- feldt / Schulze-Krüdener 2000; schon früh: Schwendtke 1968); erforscht wurde die Transfor- mation Sozialer Arbeit durch IT bislang kaum. Dabei ist davon auszugehen, dass die zunehmende Veränderung von Produktions- und Konsumpti- onsweisen in Lebens- und Arbeitswelten auch nachhaltige Konsequenzen für die Soziale Arbeit hat. Dies gilt sowohl in Bezug auf die Anlässe , auf die sie eine Reaktion darstellt, als auch hinsicht- lich der Formen , in denen sie ihren Gegenstand bearbeitet. So ergeben sich bezogen auf die Problemlagen, die Soziale Arbeit bearbeitet, neue sozial- und auch medienpädagogische Herausforderungen (Cleppien 2010; → v. Wensierski, Medien und Soziale Arbeit) – etwa im Hinblick auf Sucht- gefährdungen durch Computerspiele. Zudem führt die Nutzung von Informationstechnologien zu neuen Formen sozialer Ungleichheit (‚digital divide‘), die zu beachten sind ( → Kutscher, So- ziale Arbeit im virtuellen Raum). Informationstechnologien sollen im Folgenden al- lerdings weniger als pädagogisches (oder pädago- gisch problematisches) Medium, sondern vielmehr als Arbeitsmittel und Organisationstechnologie in so- zialpädagogischen Institutionen (Baukrowitz 1996) thematisiert werden. Technologien – im allgemeinen Sinne – lassen sich definieren als „künstlich hervorgebrachte Verfah- Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art066, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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