Handbuch 5. Auflage

751 Jugendkulturen Von Nina Metz und Birgit Richard In der Shellstudie aus dem Jahr 2006, die sich den Lebensumständen, den Wertvorstellungen und Zukunftsorientierungen Jugendlicher über die Er- gebnisse aus quantitativ, aber auch qualitativ er- mittelten Umfrageergebnissen nähert, wird ein Bild der zeitgenössischen Jugend gezeichnet, in dem diese sich vor allem durch ihren Pragmatis- mus, ihre Zielstrebigkeit und das Bedürfnis sich in bereits bestehende soziale Strukturen möglichst bruchlos einzufügen auszeichnet. Hervorzuheben ist diese Tendenz vor allem, weil sich mit der Idee von Jugendlichkeit und Adoleszenz für viele scheinbar wie selbstverständlich die Vor- stellung von einem jugendlichen Aufbegehren gegen die Elterngeneration, demWunsch nach einer Etab- lierung alternativer und freierer Lebenszusammen- hänge und die damit zusammenhängende Kritik bestehender Wertordnungen verbindet. Folgt man den Ausführungen der Studie, so sind solche gegen- kulturellen Orientierungen unter zeitgenössischen Jugendlichen heute kaum mehr auszumachen. Das Verhältnis zu den Eltern erscheint freundschaftlich, die Wertorientierung zunehmend konservativ und die Formen der Freizeitgestaltung bilden diese ange- passte und wenig konfliktträchtige Ausrichtung in Form von Konsum und Spaß orientierten Beschäfti- gungen weiterhin ab. Auf diesem Hintergrund könne, trotz des durch schwierige Berufsaussichten verdunkelten Zukunftspanoramas, „von Resignation und Ausstieg in vermeintliche jugendliche Ersatz- welten“ (Jugendwerk der Deutschen Shell 2006, 15) keine Rede sein. Jugendliche Vergemeinschaftungsformen, wie sie im Zuge des 20. Jahrhunderts angesichts ihres ver- meintlichen Skandal-Charakters, bzw. ihres gesell- schaftskritischen Potenzials immer größeres öffent- liches Interesse auf sich zogen und besonders in den 1980er und 1990er Jahren auch in Deutsch- land verstärkt in das Blickfeld wissenschaftlicher Aufmerksamkeit gerieten, scheinen damit heute von einer immer kleineren Zahl jugendlicher Ak- teure getragen zu werden. Dennoch bleiben ihre stilistischen Insignien in der öffentlichen Wahr- nehmung präsent. Begriffsgeschichte und Forschungstradition Der Begriff der Jugendkultur findet sich bereits seit den 1920er Jahren im wissenschaftlichen Diskurs. Auf dem Hintergrund literarischer und künstleri- scher Bewegungen des 19. Jahrhunderts und durch die Wandervogelbewegung um die Jahrhundert- wende unterstützt, nahmen der Reformpädagogik nahe stehende Forscher die Jugendkultur in ihr Be- griffrepertoire auf. Dieser Begrifflichkeit lag dabei eine idealisierte Vorstellung von Jugend zu Grunde, die nicht mehr ausschließlich als eine biologische Stufe begriffen wurde, sondern als eine Lebens- phase, die sich nicht nur als eine notwendige und kulturell legitimierte Übergangsphase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter darstellte, sondern von den Reformpädagogen als kultureller Raum verstanden wurde, innerhalb dessen die Jugend- lichen eine eigene Jugendsprache und spezielle In- teressen entwickeln könnten, um im Rückzug in die Natur und die kameradschaftliche Gemein- schaft eine kulturreformerische Funktion zu erfül- len (Müller-Bachmann 2002, 39). Für den us-amerikanischen Sprachraum prägte Talcott Parsons in den 1950er Jahren den Begriff der Youth Culture , der auch die deutsche Jugend- forschung stark beeinflusste. Dabei beobachtet Parsons angesichts der verlängerten Schul- und Ausbildungszeiten der Jugendlichen und der da- mit zusammenhängenden länger andauernden Abhängigkeit von den Bildungsinstitutionen und Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art071, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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