Handbuch 5. Auflage

756 Metz · Richard  der Emo -Subkultur zeigt so, wie sich bis heute ju- gendkulturelle Nischen und Widerstandsformen der Abgrenzung entwickeln, die die Funktion er- füllen, die Ablehnung sowohl der jugendlichen Peers als auch der Vertreter der Erwachsenenkul- turen zu sichern, wie es sich u. a. angesichts der Anzahl der Haterclips auf YouTube beobachten lässt (Richard 2008b). Diese Techniken der in- szenierten Abweichung müssen, wie oben be- schrieben, dabei beständig neu formuliert und modifiziert werden, da eine liberale Elterngenera- tion als Freund und Erziehungspartner (Jugend- werk der Deutschen Shell 2006) an die Jugend- lichen die implizite Forderung nach neuen visuellen Abgrenzungsformen richtet. Dabei ist zu beobachten, dass die Vermarktung dieser stilisti- schen Neuerungen, je deutlicher diese in ihrer Ab- weichung erkennbar und bestimmbar werden, umso schneller vollzogen wird und diese sich so auch immer schneller auf weite Teile jugendkultu- rell orientierter Konsumenten ausbreiten. Als Ausgangspunkt und Beispiel für eine totale stilistische Vermischung soll hier der Tecktonik - Stil näher betrachtet werden, der als Fusion ver- schiedener Tanz-, Musik-, und Modestile in un- terschiedlichen nationalen Kontexten entwickelt wurde (Belgischer Jumpstyle , Rotterdam Hardcore , Deutscher Techno , Hardtrance und Schranz ): Das Prinzip des Battles (wie es u. a. im „Ring“ im Me- tropolis, Paris stattfindet), des Contests sowie die Gemeinsamkeit bestimmter Moves (Tanzele- mente) bilden die Schnittmenge zur HipHop und Drum’nBass Kultur. Im Stilhybrid Tecktonik wach- sen somit die scheinbar unvereinbaren jugend- kulturellen Stile Techno / Gabber und HipHop zu- sammen, die auf gemeinsame elektronische Wurzeln zurückblicken. Das Stilbild der Tecktonik Mode ist ebenfalls stark „gesampled“ und damit grundlegend hybrid (siehe „Tecktonik Killer Clip“ in Tabelle 1). Be- sonders auffällig sind hier die Styles der Männer: Sie tragen Pelz, Netzhemden, Vokuhila Frisur, SM-Accessoires sowie Emoelemente wie Streifen und sehr schmale Röhrenjeans oder sternförmig umschminkte Augen. Der Stilhybrid umschließt und vereint somit die Elemente vorher unvereinbarer Stilkulturen: Aus dem Punk und Gothic entstammen Irokesen- schnitte, Punk-Typographie und Schriften, Anar- chiezeichen und Totenköpfe und düsteres Make- up. Hinzukommende Visual Kei -Elemente die im Rahmen des neuen Stils auf „Pornostyles“, wie be- stimmte große Sonnenbrillen, und Neon-Laser als Discoelemente der 1980er treffen. Schließlich runden aktuelle NuRave-Accessoires in schrillen Neonfarben das Bild des totalen Stilhybrids ab. Diese neue Tanzkultur Tecktonik wird erst durch ihre Präsenz im Internet innerhalb der Szene be- kannt und schließlich überraschend schnell durch TV-Berichte vermarktet. Trotzdem ist Tecktonik ein gelebter und aktiver Stil für die ganz junge Clubszene und bereichert diese um eine weitere Stil-Generation. Dabei hebt sich Tecktonik da- durch von seinen Vorgängern ab, dass hier der Tanzstil, nicht wie sonst die Musik, das gesamte Stilbild einer schon bestehenden Jugendkultur neu hervorbringt. Neben den Clubs als Orten jugendkultureller In- szenierung zeigen insbesondere Clips bei YouTube die globale Vielfalt und Lebendigkeit der Szene: Jumpstyle wird im Online Computerspiel WOW getanzt und auch der Comedian Borat ist auf Youtube Jumpstyle tanzend zu sehen. Die Distri- butionswege für jugendkulturelle Stile gestalten sich damit heute sowohl über ihre materielle als auch über ihre virtuelle Präsenz, ihre Gegenwart sowohl in Clubs als auch auf den einschlägigen Plattformen des Internets. Hybridität 2.0-Style into Community! Vernetzte Jugendkulturen Eine zentrale Rolle im Zusammenhang mit den Formen zeitgenössischer Vergemeinschaftung Ju- gendlicher stellen die Möglichkeiten dar, die sich angesichts der Verfügbarkeit sog. Neuer Medien für die Inszenierungspraxis Jugendlicher bieten. Über diese finden sich im Internet nahezu alle Formen jugendlicher Stil-Identitäten repräsen- tiert. Das Internet gestaltete sich so als ein visuel- les jugendkulturelles Archiv aus bewegten und stillen Bildern. Gleichzeitig fungiert es in jugend- kulturellen Kontexten als entscheidender Style- guide und ist zum Trägermedium von Tutorials für alle visuellen Formen der Selbstdarstellung von Jugendlichen geworden. So wird das Web 2.0 zum instantanen Beförderer und Beschleuniger neuer globaler Styles.

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