Handbuch 5. Auflage
Jugendkulturen 755 ebenso, wie es sich später angesichts der zentralen Bedeutung des Motivs von körperlicher Versehrt- heit im frühen britischen Punk der 1970er Jahre bis hin zur Hardcore-Szene der 1980er und 1990er widerspiegelt. Inwiefern sich eine solche Form der Inszenierung auf der Basis einer Bildtradition der Abweichung, die zunächst von einer lediglich geringen Prozent- zahl Jugendlicher aufgegriffen wird, schließlich in weitere Bereiche jugendkultureller Kontexte aus- breitet und nachvollzogen werden kann, kann an einer Abbildung deutlich werden, mit der das nie- derländische Modelabel Gsus Sindustries im Jahr 2007 auf seiner Webseite wirbt. Das betreffende Bild zeigt das Portrait eines jungen Mannes, dessen Gesichtszüge stark geschwollen und blutunterlau- fen sind und dessen Nasen- und Kinnbereich von dunklen Schürfwunden bedeckt ist. Eine solche Praxis des Wundenzeigens ist eng und für die Adressaten des Werbeposters erkennbar verbunden mit der urbanen Hardcore- und Skaterkultur. Der Idee der körperlichen Perfektion, wie sie ge- meinhin in der Werbung transportiert wird, steht damit hier die körperliche Deformation, die Ver- sehrtheit einer mit Jugend assoziierten, physischen Vollkommenheit gegenüber. Dem jugendkulturell sensibilisierten Betrachter erklärt sich die Attrakti- vität des Bildes scheinbar intuitiv, tatsächlich je- doch auf dem Hintergrund einer langen popkultu- rellenaberauchkulturgeschichtlichenBildtradition, die das Motiv des jugendlichen, versehrten Körpers in verschiedene Kontexte transportiert und im Rahmen unterschiedlicher Inszenierungspraktiken, hier in zusätzlicher Attribution mit dem Märtyrer- Icon des Dornenkranzes, aufgreift (Metz 2008). Angesichts einer Vielzahl aktueller jugendkulturel- ler Inszenierungspraktiken erscheint es sinnvoll, die visuellen Strategien einer liminalen Figur, wie sie anhand der Inszenierung von körperlicher Ver- sehrtheit oben gezeigt wurde, um das Motiv der historistischen Rückwärtsorientierung zu ergän- zen. Diese mischte sich bereits in den stilistischen Konventionen der Gothics mit den symbolischen Verweisen auf Tod und Vergänglichkeit (Richard 2006, 235) und findet aktuell in Form der New Folk-Szene ihren Ausdruck in Form einer Bezug- nahme auf eine viktorianische Bildwelt, die sich eng verbunden mit den Motiven von puritanischer Einfachheit, Eskapismus und religiösem Mystizis- mus gestaltet. Das Motiv der Hybridität. Jugendliche Inszenierung angesichts der Techniken des Cut-Ups, des Samples und der Bricolage Die bereits durch Dick Hebdige im Rückgriff auf Levi-Strauss benannte Vorgehensweise der Brico- lage (Hebdige 1979) bildet immer noch eine der grundlegenden Stilisierungstechniken und wird im Rahmen der Stilformen Neuer Jugendkulturen sogar immer zentraler. Kulturelle Bedeutungsträ- ger werden durch das Mischen und damit Neu- kontextualisieren zu hybriden kulturellen Einhei- ten, deren einzelne Elemente miteinander verschmelzen. Dabei wird über das ständige Neu- und Rekombinieren, durch die Techniken des Cut-Ups , des Samplings und des Seriellen, Beste- hendes mit der unendlichen Anzahl seiner Alter- nativen konfrontiert. Für diese Praxis steht dabei die gesamte Geschichte von jugendkulturellen Stilen als Reservoir zur Verfügung. Aktuelle jugendkulturelle Stile gestalten sich heute stark durch diese Erweiterung der Stilpa- lette und das Mittel der Hybridisierung im Zuge einer medialen Verbreiterung. Dies führt zur Auf- frischung bereits existierender Stile durch lokale und nationale Trends, wie sie sich am Beispiel der visuellen Referenzen auf japanische Jugendkultu- ren, den Formen und Figuren von Visual Kei , der Gothic Lolita oder genereller der Strategie des Cos- play beobachten lassen. Ein weiteres prägnantes Beispiel für eine sich über hybride Praktiken inszenierende Jugendkultur stellt die des Emo dar. Diese gestaltet sich als ein Hybrid aus Hardcore , Punk - und Emocore mit Gothic -Elementen und stellt eine Neuauflage der inhaltlichen Auseinandersetzung mit Tod und Suizid in jugendkulturellen Kontexten in einem veränderten visuellen Gewand dar. Eingebunden in diesen Stilkanon sind hier unter anderem Prak- tiken wie die des Ritzens , als inszenierte Selbstver- letzung, bzw. das Zurschaustellen der mit dieser verbundenen Narben und Schnitte. Diese haben keinen dekorativen Charakter, wie andere Körper- praktiken, sondern verweisen, wie Anorexie oder Bulimie, auf eine Kultur autoagressiver Selbst- ablehnung, die parallel zu einer medialen Anti- Kultur im Netz existiert. Die Beschäftigung mit
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=