Handbuch 5. Auflage
Jugendverbände und Jugendpolitik 781 Theaterstücken bis hin zu kulturellen Projekten (wie etwa einer Geschichtswerkstatt oder einem soziokulturellen Zentrum), von offenen und halb- offenen Werkstätten, die schon einen Übergang zur offenen Jugendarbeit darstellen, bis hin zu Veranstaltungen wie Festivals, Theater- und Mu- siktreffen oder Gauklertreffen reicht inzwischen die in Jugendverbänden vorhandene Palette der Kulturarbeit. Zur Qualifikation der ehrenamtlichen Mitarbeite- rinnen und Mitarbeiter haben Jugendverbände zu- dem eine Vielzahl von Bildungsangeboten ent- wickelt: Seminare oder Tagungen, in denen sowohl sachbezogene als auch pädagogische Kenntnisse vermittelt werden. Schließlich organisieren Jugend- verbände im Bereich der internationalen Jugend- begegnungen alljährlich eine Vielzahl von Aus- tauschprogrammen. In vielen Verbänden zeigen sich in den letzten Jahren verstärkt Tendenzen zum Übergang von der regel- mäßigen Gruppenarbeit hin zur Projektarbeit. Da- bei ist von besonderer Bedeutung, dass die Projekt- arbeit nicht sämtliche Aktivitäten der Jugendlichen überdeckt, sondern dass neben der Arbeit am Pro- jekt noch genügend Spielraum für weitere Aktivitä- ten bleibt. So scheint Projektarbeit zunehmend zu einer Arbeitsform zu werden, die die überkommene Gruppenarbeit neu strukturiert: Gruppen werden auf Zeit und sachbezogen gebildet. Dazu kommt: Die immer stärker projekt- und nicht mehr tätig- keitsbezogen gewährte Förderung verlangt den Ju- gendverbänden ein solches Vorgehen ab. Jugendverbände und Jugendpolitik Jugendverbände, ihre landes- und bundesweiten Zu- sammenschlüsse sowie ihre Dachorganisationen bis hin zum Deutschen Bundesjugendring verstehen sich als Interessenvertretung der Kinder und Jugend- lichen, als ihr jugendpolitisches Sprachrohr. Die Ver- tretung jugendpolitischer Interessen gegenüber Par- lament, Regierung und Öffentlichkeit sieht der Deutsche Bundesjugendring als eine seiner zentralen Aufgaben an. Da jugendpolitische Themen in den unterschied- lichsten Politikfeldern behandelt werden, aber eine einheitliche Konzeption unter kinder- und jugend- politischen Gesichtspunkten nirgendwo in Sicht ist, besetzen die Jugendverbände hier eine seit vie- len Jahren bestehende gravierende Leerstelle im politischen Sektor. Ob die jugendpolitischen Ini- tiativen der Jugendverbände allein ausreichend wirkungsvoll sind, kann hier nicht analysiert wer- den. Die Verbände weisen jedoch nachdrücklich auf die Defizite einer von der „großen Politik“ in aller Regel sektoral und problembezogen verhan- delten Jugendpolitik hin. Durch die bildungspolitischen Entwicklungen in der jüngeren Vergangenheit (u.a. Ausbau von Ganz- tagsschulen, aber auch Ausbau der Kindertagesein- richtungen) ist die Jugendarbeit insgesamt und da- mit auch die Jugendverbände in eine seltsame Sandwich-Position geraten, die sich sowohl auf der Ebene der Finanzierung als auch des bildungs- und jugendpolitischen Selbstanspruchs als doppelte He- rausforderung erweist. Zum einen mehren sich die Anzeichen, dass die finanziellen Aufwendungen, die die Kommunen durch den Ausbau der Kindertages- einrichtungen erbringen müssen, nicht ohne Aus- wirkungen auf die Finanzierung der Kinder- und Jugendarbeit bleiben (Pothmann 2008). Anderer- seits sind Jugendverbände, die sich traditionell auch stark als Orte der Bildung und des Lernens verstan- den haben, nun in der Pflicht, sich gegenüber einer sich zeitlich immer mehr ausdehnenden schulischen Organisation zu profilieren und sich als Bildungs- orte eigener Qualität zu präsentieren (Züchner 2006). Ob sich in diesem Kontext ein neues Bil- dungsverständnis herauskristallisieren wird, das all- tägliche Bildungsprozesse mit in den Blick nimmt und zu einer neuen Verzahnung der Bildungsorte führt (Rauschenbach 2009), das ist eine offene Frage. Literatur Böhnisch, L., Gängler, H. (1991): Jugendverbände in der Weimarer Zeit. In: Böhnisch, L., Gängler, H., Rauschen- bach, T. (Hrsg.), 49–57 –, –, Rauschenbach, T. (Hrsg.) (1991a): Handbuch Jugend- verbände. Juventa, Weinheim –, –, – (1991b): Jugendverbände und Wissenschaft. In: Böhnisch, L., Gängler, H., Rauschenbach, T. (Hrsg.), 162–171
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