Handbuch 5. Auflage
780 Gängler nisationsgrad in Jugendverbänden zwischen knapp 20% und über 30% (Fischer et al. 2000). Die zentrale Problematik dieser Diskussion be- steht aber nicht eigentlich darin, wie viele Kinder und Jugendliche denn „wirklich“ in Verbänden organisiert sind, sondern in der Auflösung des traditionellen Mitgliederverständnisses. Denn je nachdem, wie man den Begriff „Mitglied“ de- finiert, erhält man entsprechend andere Zahlen. Verallgemeinernd lassen sich wenigstens vier Gruppen von Kindern und Jugendlichen unter- scheiden, die Angebote der Jugendverbände nut- zen: Da sind erstens die „ Konsumenten “, die be- stimmte Angebote der Verbände – ähnlich wie diejenigen anderer Dienstleistungsanbieter – ent- sprechend ihrem eigenen Verwertungsinteresse nutzen. Eine zweite Gruppe könnte man als „ Stammkunden “ bezeichnen. Sie gehen kurzfris- tige, engere Verbindlichkeiten mit den Verbänden ein, machen beispielsweise eine Ferienfreizeit mit, besuchen regelmäßiger Veranstaltungen der Ver- bände, binden sich hingegen selbst nicht an den Verband. Dies tut dann die dritte Gruppe, die Gruppe der klassischen „ Mitglieder “. Sie identifi- zieren sich mit „ihrem“ Verband, nehmen regel- mäßig an Gruppenstunden, Treffen, Veranstal- tungen o. ä. teil und entwickeln auf diese Weise eine stärkere Bindung an den Verband. Während bei den Konsumenten noch stark der Erlebnis- und Verwertungsaspekt des verbandlichen Ange- bots im Vordergrund steht, tritt bei den Stamm- kunden bereits das Interesse an der Gemeinschaft (auf Zeit) hinzu, Mitglieder schließlich orientie- ren sich zudem auch an den Werten und Zielen der Verbände. Ehrenamtliche Mitarbeiter – als vierte Gruppe – lassen sich am ehesten aus dem Kreis der Mitglieder gewinnen (Gängler 1995b). Vor diesem Hintergrund ist der traditionelle Mit- gliederbegriff ungeeignet, etwas über die Reich- weite der Angebote und die gesellschaftliche Wirksamkeit der Verbände auszusagen. Insbeson- dere jüngere Studien zur „Wirksamkeit“ von Ju- gendverbandsarbeit (Lindner 2008) legen die Vermutung nahe, dass Jugend- und Jugendver- bandsarbeit nachhaltige und positive biographi- sche Wirkung hat (Lehmann /Mecklenburg 2006; Fauser et al. 2008b). Eine wichtige Rolle spielt hierbei offensichtlich die Tatsache, in welchem Umfang das Nutzungsverhalten der Jugendlichen tätigkeitsorientiert ist (Fauser 2008). Jugendarbeit in Verbänden Nach wie vor ist die Jugendgruppe der Kern ver- bandlicher Jugendarbeit. Daneben finden sich aber auch offene Angebote (z. B. Sommerlager, Ferien- maßnahmen, Discos) bis hin zu den auf spezifische Inhalte hin ausgerichteten und meist mittelfristig geplanten Projekten. So zeigt sich innerhalb der Jugendverbandsarbeit eine breite Palette von Ar- beitsformen (Corsa 2007). Die traditionellen Arbeitsformen entwickelten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Jugend- bewegung und wurden in den Verbänden tradiert und weiter entwickelt: Gruppenarbeit, Fahrt und Zeltlager. Die verbandlichen Jugendgruppen tref- fen sich in bestimmten zeitlichen Abständen – in aller Regel wöchentlich – nachmittags oder abends und bieten den Gruppenmitgliedern die Möglich- keit, mit Gleichaltrigen zusammen etwas zu unter- nehmen. Die Tätigkeiten und Unternehmungen lassen sich grob vier Bereichen zuordnen: Geselligkeit, musische, kreative und handwerkliche 1. Tätigkeiten, Gespräche, Information, Bildung und Besinnung, 2. größere, zeitlich befristete Aktionen, 3. Öffentlichkeitsarbeit, Mitgliederwerbung. 4. In vielen Jugendverbänden wurden inzwischen auch zielgruppenspezifische Angebote entwickelt. Dabei lässt sich seit Jahren eine Ausweitung der Arbeit mit Kindern feststellen. In den Angeboten für Kinder geht es den Jugendverbänden vor allem darum, so- ziale Kontakte zu stiften und zu erhalten, den Kin- dern sinnliche Erlebnisse zu ermöglichen sowie zur Orientierung und Welterklärung beizutragen. Ne- ben den bereits beschriebenen Arbeitsformen wur- den auch spezielle kindgemäße Arbeitsformen ent- wickelt, so z.B. sozialräumliche Erkundungen, Kinderfeste und Kinderumzüge. Eine weitere ziel- gruppenspezifische Arbeitsform, die in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat, ist die ge- schlechtsspezifische Arbeit, bei der allerdings Mäd- chenarbeit verbreiteter ist als Jungenarbeit. Eigene Arbeitsformen finden sich zudem in der Medien- und Kulturarbeit. Gruppenleiterinnen und -leiter werden in Fortbildungen mit dem Einsatz diverser Medien vertraut gemacht. Auch Kulturarbeit hat in den Jugendverbänden eine lange Tradition. Von öffentlich aufgeführten
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=