Handbuch 5. Auflage

783 Katastrophenhilfe und humanitäre Hilfe Von Rainer Treptow Katastrophenhilfe ist eine Form der akuten Nothilfe. Im Unterschied zu Kriseninterventionen bei Einzel- nen oder kleinen Gruppen stellt sie Unterstützung für zahlreiche Menschen bereit, deren Lebensgrund- lagen durch Großschadensereignisse auf elementare Weise beeinträchtigt sind. Die Katastrophenhilfe kommt staatlicherseits im Innern nur dann zum Einsatz, wenn der Katastrophenfall durch dafür zu- ständige Behörden der Landkreise und kreisfreien Städte ausgerufen wird (Ländergesetze; Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe 2004). Im Ausland ist zwingendermaßen mit den dort zuständigen zivilen Regierungsorganen zusam- menzuarbeiten. Ob ein Katastrophenfall vorliegt und Notfallein- satzpläne angewendet werden, kann durchaus mit Einschätzungen von nichtstaatlicher Seite konfli- gieren. Großschadensereignisse hängen mit Natur- phänomenen, technischem Versagen, mit Kriegen und Anschlägen zusammen. Nicht selten wirken sie wechselseitig, d. h. ein Ereignistyp löst einen anderen aus oder verstärkt diesen. Manche von Menschen verantworteten Handlungen führen zu Katastrophen auslösenden Veränderungen der Na- tur (Klimawandel, Intergovernmental Panel on Climate Change 2007). Umgekehrt schädigen die von Menschen nicht zu verantwortenden Natur- ereignisse menschliche Lebensgrundlagen und technische Einrichtungen. Indem Katastrophen- hilfe auf solche Ereignisse reagiert – sich aber auch mit präventiven Maßnahmen wie Frühwarnsyste- men, Evakuierungsplänen, Schutzmaßnahmen u. a. darauf einstellt (Katastrophenvorsorge, Gesell- schaft für Technische Zusammenarbeit 2001; In- ternational Strategy for a Disaster Reduction 2002; United Nations 2006) – , sind ihre Interventionen abhängig von der jeweils besonderen Ausprägung, die die Katastrophen annehmen (Clausen et al. 2003; McNab 2007). Zwar scheinen sich die Zer- störungen an Leib und Leben, an Infrastruktur und Natur zu ähneln, eine genauere Bestimmung ihrer Formen macht jedoch Unterschiede sichtbar. Formen der Katastrophe Naturkatastrophen (von griechisch: „Katastro- phe“=„Unglücksfall großen Ausmaßes, Verhängnis, Zusammenbruch“) zeigen sich auf biologisch-che- mische, geophysikalische, klimatische, hydrologische und meteorologische Weise (Center for Research on the Epidemiology of Disasters (CRED) 2007; Watts/Bergfeld 2008). Epidemien und Seuchen, Erdbeben und Vulkanausbrüche, Dürren und Über- flutungen sowie Stürme und Extremtemperaturen sind die Formen. Technisches Versagen liegt z. B. bei Ereignissen wie Flugzeug- und Zugunglücken, bei Chemieunfällen oder bei der Reaktorschmelze von Atomkraftwerken vor. Der Anteil menschlichen Ver- sagens am Funktionsausfall von Technik ist hier im Einzelfall zu klären, aber in Kriegen, auch Bürger- kriegen, ist er elementar. Krieg als menschliches Ver- sagen gegenüber der Pflicht zum Frieden (Kant 1795) zielt immer auf die Schadenszufügung großer Bevölkerungsteile ab. Seine komplexe Verstrickung mit sozialen Fragen und Machtkämpfen zwischen unterschiedlichen Gruppen und Clans versetzt Ka- tastrophenhilfe in ein riskantes politisches Um- feld – dies ist einer der Gründe, Katastrophenhilfe nicht nur als eine funktionale Hilfeform, sondern als ein Politikfeld zu definieren, worin es zu Spannun- gen zwischen Ethik, Politik und Recht kommen kann (Eberwein/Runge 2002; Caritas Schweiz/Ca- ritas Luxemburg 2005; Henzschel 2006; Lieser 2007). Zugleich verweist die relativ kurzfristige In- tervention nach dem Ereignis auf mittel- bis lang- fristige Maßnahmen zum Aufbau wirtschaftlicher und sozialer Infrastruktur. Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art075, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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