Handbuch 5. Auflage
784 Treptow Katastrophenmanagement: Zeit-, Sach- und Sozialstruktur Konfrontiert mit anfangs meist hoher Ungewissheit über Art und Ausmaß des Schadens hat ein Einsatz der Katastrophenhilfe ein komplexes Zusammen- spiel von Informationsverarbeitung, Logistik und Kommunikation zu gewährleisten(Dijkzeul/Beig- beder 2003). Ihre Zeitstruktur ist durch besondere Dringlichkeit gekennzeichnet, ihre Sachstruktur durch Koordinierung von Transport und Verteilung von Hilfsgütern, von Personal sowie von medizi- nisch-technischem Gerät und ihre Sozialstruktur durch Zusammenarbeit zwischen lokal Betroffenen und verschiedenen Gruppen medizinischer, tech- nischer und psychosozialer Berufe (Treptow 2007). Als Nothilfe ist die Katastrophenhilfe zugleich auf ein zeitnahes und möglichst umfassendes Lagebild über Art und Ausmaß der Schäden angewiesen, auf sozialräumlichen wie auf geografischen Überblick sowie auf Einschätzungen der verbliebenen Ressour- cen und Kapazitäten in den betroffenen Regionen und der Risiken, die der Einsatz für das Hilfsper- sonal bedeutet. Die möglichst rasche Intervention am Ort des Geschehens erfordert räumlich die Plat- zierung von Hilfe-Settings in größtmöglicher Nähe zum Zentrum der Katastrophe und zugleich in größtmöglicher Sicherheit, um die Handlungskoor- dinierung der Rettungs- und Versorgungskräfte nicht zu gefährden. Über den Ort des Geschehens hinaus sind sozialräumliche Verwerfungen zu be- rücksichtigen, die sich durch Fluchtbewegungen von Bevölkerungsgruppen in für sicher gehaltene Territorien ergeben. Damit können Katastrophen weitere Folgen auslösen, denn die Aufnahme von Flüchtlingen in angrenzende Regionen ist keines- wegs immer konfliktfrei, mitunter dramatisch (Young/Maxwell 2009). Dies betrifft auch die Ge- fährdung der Helfer in körperlicher und mentaler Hinsicht. Nicht selten riskieren sie das eigene Leben und setzen sich Belastungen aus, die traumatisie- rende Ausmaße annehmen können (Bengel 2004; Antares-Foundation 2006; Krampl 2007). Entsprechend notwendig ist ein Katastrophenma- nagement, das bereits in der Bereithaltung von Hilfsgütern, ausgebildetem Personal und Trans- portmitteln auf das zukünftige Eintreten von Großschadensereignissen vorbereitet ist und im Ernstfall einen raschen zeitlichen Bedarfsaus- gleich organisieren kann. Damit sollten Einrich- tungen der Katastrophenhilfe zu denjenigen zu zählen sein, die sich durch ein „hohes Maß an Zu- verlässigkeit auszeichnen, sogenannte High Reli ability Organizations oder kurz HROs“ (Weick / Sutcliffe 2007, 7). Operationen des „Save and Rescue“ (SAR) bilden einen ersten Bestandteil zeitnaher Unterstützung, um Betroffene zu ber- gen und medizinisch zu versorgen. Der Schutz der Betroffenen vor weiteren Folgen der Katastro- phe (z. B. Nachbeben, Epidemien), ihre Unter- bringung an anderen Orten und Territorien sowie die Versorgung mit Kleidern und Decken ist eine ebenso grundlegende Aufgabe wie die Versorgung mit Trinkwasser und Nahrungsmitteln. Ebenso gilt es, Hygienemaßnahmen durchzuführen, um den Wiederaufbau einer Infrastruktur zu ermögli- chen, psychosoziale Unterstützung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu gewährleisten und dabei kulturspezifische Regeln zu respektie- ren. Diese sind sowohl in der Rollenförmigkeit zwischen den Geschlechtern und Generationen als auch in Praktiken der alltäglichen Lebensweise (Ernährung, Kleidung etc.) bedeutsam (Sphere Project 2004; Munz 2007). Zivilmilitärische Zusammenarbeit und Abgrenzungen Der Begriff Katastrophenhilfe kann nicht auf die Arbeit ziviler Organisationen begrenzt werden, seien diese Nichtregierungsorganisationen oder nicht. Auch militärische Organisationen leisten entspre- chende Hilfen, tun dies allerdings unter jenen Vor- zeichen, die im Rahmen bewaffneter Konflikte gel- ten und eben nicht im Zeichen bedingungsloser Hilfe. Rettung undVersorgung der Zivilbevölkerung kann, aber muss nicht Aufgabe militärischer Opera- tionen sein – es sei denn, diese haben den Auftrag zu sogenannter „humanitärer Intervention“ (Wellhau- sen 2002) und rechtfertigen den Einsatz von Waf- fengewalt mit der Sicherung von Rahmenbedingun- gen, in deren Einflussbereich die Arbeit von Hilfsorganisationen überhaupt erst aufgenommen oder weitergeführt werden kann. Dass die dadurch erzeugte Nähe ziviler Hilfe zum Militär allerdings neue Gefährdungen für die Helfer auslösen kann, ist Gegenstand der Kritik an einer derartig begründeten zivilmilitärischen Zusammenarbeit (Verband Ent- wicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorgani-
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=