Handbuch 5. Auflage
Alter 79 Erkennen und Nutzen der gewachsenen Potenziale älterer Menschen – Vom Versorgungs- zum Aufforderungs- und Verpflichtungsparadigma – das Konzept des „active ageing“ Auch in der Altenpolitik und -arbeit im engeren Sinne bedarf es eines Paradigmenwechsels mit dem Ziel: weg von der traditionellen „Ruhestandsorien- tierung“ hin zur individuell wie gesellschaftlich nützlichen „Potenzialentfaltung und -nutzung“. Ziel ist die Steigerung der Bereitschaft der Älteren, selbst an der Sicherung des kleinen wie des großen Generationenvertrages beizutragen. Letztlich gilt es, das überkommende Versorgungsparadigma zu- gunsten eines Aufforderungs-, ja sogar Verpflich- tungsparadigmas zu überwinden. Das dazu derzeit fortgeschrittenste Konzept ist das des „ active ageing “, das aber oft einseitig auf den Bereich des Arbeitsmarktes verkürzt wird. Seine herausragen- den Merkmale sind neben einer integrierten und lebenslaufbezogenen Konzeptualisierung insbeson- dere die Betonung von inter- und intrageneratio- neller Solidarität und gesellschaftlichem Nützlich- keitsbezug bei gleichzeitig bevorzugter Beachtung von Problemen sozial benachteiligter älterer Bevöl- kerungsgruppen. Speziell in der Verbindung des „Für-sich-etwas-Tun“ und des „Für-andere-etwas- Tun“ liegt die Kernidee des „active ageing“. Stärkung und Förderung von intergenerationeller Solidarität Letzteres verweist zugleich auf die Notwendigkeit einer Neujustierung beider Generationenverträge, des großen gesellschaftlichen Generationenvertrags im System der umlagefinanzierten Sozialversiche- rung ebenso wie des sog. kleinen Generationenver- trags im familialen Umfeld. Es geht letztlich um eine neue Generationensolidarität vor dem Hinter- grund des kollektiven Alterns der Bevölkerung. Dabei ist darauf zu achten, die jeweiligen Genera- tionen entsprechend ihrer je spezifischen Leis- tungsfähigkeit möglichst gleichmäßig zu belasten. In diesem Zusammenhang stehen Junge wie Alte gleichermaßen in der Verantwortung. Für beide gibt es nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. Die junge Generation sollte vor allem mehr Bil- dung und mehr Zukunftsinvestitionen erwarten können, muss sich aber im Gegenzug selbst auf mehr Lernen, neue Erwerbsmuster und mehr be- rufliche Mobilität und Flexibilität einstellen und nicht zuletzt auch mehr Bereitschaft für ein Leben mit Kindern aufbringen. Die älteren Generationen wiederum dürfen sich nicht primär in tradierten Rollen als Rentenempfänger und „Ruheständler“ definieren, sondern müssen sehr viel stärker bereit sein, mehr Verantwortung für das eigene Leben („Selbstverantwortung“) wie für das anderer sowie insbesondere der nachrückenden Generationen („Mitverantwortung“) zu übernehmen. Dazu ge- hört auch die Bereitschaft, bei gegebenen Voraus- setzungen länger im Erwerbsleben zu bleiben. Ausblick Zweifellos steht die Sozialpolitik vor dem Hinter- grund des kollektiven Alterns der Bevölkerung vor neuen Herausforderungen. Diese sollen weder ge- leugnet noch verniedlicht werden. Allerdings sind weder „demografische Krisenszenarien“ noch „Schönfärberei“ durch Überbetonung von Poten- zialen und dgl. die angemessenen Antworten. Im Sinne ihrer Gestaltungsfunktion gilt es für die So- zialpolitik, das kollektive Altern der Gesellschaft als gesellschaftspolitische Gestaltungsaufgabe zu be- greifen und anzugehen. Damit können nicht nur aktuelle sozialpolitisch relevante Problemlagen in einer Gesellschaft des langen Lebens angemessen gelöst werden, sondern auch Weichen gestellt wer- den für eine zukunftsorientierte Sozialpolitik, von der alle Generationen gleichermaßen profitieren können. Insofern versteht sich das hier vorgestellte Konzept insgesamt auch als ein Beitrag zur Stär- kung von Generationensolidarität in einer altern- den Gesellschaft durch Sozialpolitik.
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