Handbuch 5. Auflage

78 Naegele  skandinavische Modelle auf sinnvolle Unterstüt- zungsmöglichkeiten durch Maßnahmen der Tele- medizin, die speziell den privaten Haushalt Älte- rer als neuen eigenständigen Gesundheitsstandort ausweisen. Für Deutschland gilt, dass derartige Innovationen im Bereich der Selbstständigkeits- förderung kaum verbreitet sind und ihnen zudem eine sichere Refinanzierungsgrundlage, insbeson- dere im Rahmen von SGB V und SGB XI, fehlt. Paradigmenwechsel in der Gesundheitspolitik In der Gesundheitspolitik muss es künftig vor allem darum gehen, die bestehenden ambulanten und stationären Versorgungssysteme sehr viel zielge- nauer auf eine insgesamt alternde Patientenschaft mit ihrer durch chronische Erkrankungen und Multimorbidität gekennzeichneten besonderen Morbiditätsstruktur auszurichten. Die in Deutsch- land bislang stark auf Diagnose, Kuration und Medikalisierung fokussierte Gesundheitspolitik stellt sich vor diesem Hintergrund als wenig ge- wappnet dar für die neuen Herausforderungen, die ein demografisch bedingt verändertes Krankheits- panorama zwangsläufig nach sich zieht. Veränderte Ziele sind insbesondere die Weiterentwicklung und Umsetzung von geriatrischer Prävention und Rehabilitation, die Stärkung der Chronikermedi- zin, Ausweitung integrierter Versorgungsmodelle unter Einbezug der Pflege, vernetztes Handeln der Professionen sowie Schaffung neuer Altersbilder in der Medizin, Kranken- und Altenpflege. Das kürz- lich dazu vorgelegte Sondergutachten des Sachver- ständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen zum Thema „Koordination und Integration – Gesundheitsversorgung in einer Gesellschaft des längeren Lebens“ verweist ins- besondere auf fehlende Leitlinien und Standards zum Umgang mit Multimorbidität sowie auf die bislang nicht gelösten Herausforderungen für eine bedarfsgerechte Arzneimittelversorgung im Alter (SVR 2009). Weiterentwicklung der Pflege(versicherungs)politik Zweifellos ist die Mitte der 1990er Jahre erfolgte Einführung der Pflegeversicherung ein sozialpoliti- sches „Erfolgsmodell“. Allerdings gilt gerade hier der Satz: „Nach der Reform ist vor der Reform“. So sind dringend mehr Anreize zur Vermeidung von Pflegebedürftigkeit erforderlich, gilt es das beste- hende Leistungs- und Finanzierungsspektrum stärker auf differenzierter gewordene Bedarfssitua- tionen auszurichten und den money-led-approach durch einen need-led-approach zu ersetzen sowie das enge verrichtungsbezogene Konzept der Pflege- versicherung durch ein erweitertes Pflegeverständ- nis und ein darauf ausgerichtetes Begutachtungs- verfahrens abzulösen. Erst dadurch wird eine angemessene Versorgung demenziell erkrankter äl- terer Menschen möglich. Weitgehend ungelöst ist zudem das Pflegepersonalproblem. Allerdings setzt dies alles die Bereitschaft in der gesamten Gesell- schaft voraus, mehr Finanzmittel für die Pflege be- reit zu stellen. Notwendig ist künftig angesichts der demografischen Entwicklung eine stärkere Beach- tung der „neuen Vereinbarkeitsproblematik“ von Berufstätigkeit und Pflege (Reichert 2010). Beachtung besonderer gruppentypischer sozialpolitischer Bedarfslagen Aus Sicht der Sozial- und Altenpolitik ist ins- besondere beachtlich, dass die Heterogenisierung des Alters auch die sozialpolitischen Bedarfslagen Älterer betrifft. Besondere Handlungserfordernisse bestehen dabei mit Blick auf folgende Gruppen: Ältere Langfristarbeitslose, unfreiwillig Frühver- rentete, ältere Menschen mit Migrationsgeschichte, sehr alte Menschen, ob alleinstehend oder im Paarhaushalt lebend, ältere bzw. älter gewordene Behinderte sowie demenziell Erkrankte. Einzube- ziehen sind die unterstützenden Angehörigen und übrigen informellen Helfer gleichsam als „zweite Zielgruppe“.

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