Handbuch 5. Auflage
802 Schone / Struck ziehung und Gewährleistung des Kindeswohls. Wie diese Frage in der Gesellschaft diskutiert wird, hat Auswirkun- gen für das Selbstverständnis und für die Handlungsmög- lichkeiten der Jugendhilfe: Es geht darum, ob Jugendhilfe die mittlerweile gefundene Balance zwischen einer mo- dernen Dienstleistungskonzeption einerseits und dem Aufrechterhalten des Schutzgedankens andererseits wir- kungsvoll und zum Wohle der Kinder und Jugendlichen ausgestalten kann.“ (Merchel 2008, 12) Derzeit gibt es einige Anzeichen dafür, dass der Kinderschutz zum Aufhänger auch für problemati- sche Entwicklungen wird, in denen das elterliche Primat der Interpretation des Kindeswohls mehr und mehr verblasst gegenüber der Definitionskraft selbst ernannter „Kindervertreter“ und bei denen teils mit Persönlichkeitsrechten ein rüder Umgang stattfindet. Dies zeigt sich z. B. in den aktuellen Diskussionen zur Beschneidung, ■ ■ in Ansinnen an Pflegeeltern, nicht nur Führungs- ■ ■ zeugnisse, sondern auch Leumundszeugnisse vor- zulegen und ihre Ärzte / Ärztinnen von der Schwei- gepflicht zu entbinden (Struck 2012), in Absichten, die sensiblen Daten der polizeilichen ■ ■ Führungszeugnisse nicht nur einzusehen, sondern zu dokumentieren oder auch weiterzuleiten (Lakies 2013). Hier gilt es, die oben von Merchel beschriebene Balance wiederzufinden, die den Kinderschutz in den vergangenen Jahren in Deutschland im Zei- chen des KJHG maßgeblich befördert hat. Literatur Coester, M. (2008): Inhalt und Funktion des Begriffs Kindes- wohlgefährdung – Erfordernis einer Neudefinition? Ju- gendamt 81 (1), 1–7 Fuchs-Rechlin, K. (2006): Kindstötungen – Was sagt die Sta- tistik? KomDat Jugendhilfe, Sonderausgabe, 3–5 Hensen, G., Schone, R. (2011): Der Begriff der Kindeswohl- gefährdung zwischen Recht und Praxis. In: Körner, W., Deegener, G. (Hrsg.): Erfassung von Kindeswohlgefähr- dung in Theorie und Praxis. Pabst, Lengerich, 13–28 Hensen, G., Schone, R. (2010): Kinderschutz und Frühe Hil- fen für Familien als Planungsthema. In: Maykus, S., Schone, R. (Hrsg.): Handbuch Jugendhilfeplanung – Grundlagen, neue Anforderungen und Perspektiven. VS Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 329–348 IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundes- republik Deutschland e.V. (Hrsg.) (2009): Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. In: http://www.kinder-ju- gendhilfe.info; 26.06.2013 Lakies, Th. (2013): §45 Rz. 47. In: Münder, J., Meysen, T., Trenczek, T. (Hrsg.): Frankfurter Kommentar SGB VIII. 7. Aufl. Nomos, Baden-Baden Maywald, J. (2009): Zum Begriff des Kindeswohls. Impulse aus der UN-Kinderrechtskonvention. IzKK-Nachrichten 1, 16–20 Merchel, J. (2011): Der „Kinderschutz“ und das rechtliche Steuerungskonzept: Anmerkungen anlässlich des Regie- rungsentwurfs zu einem „Bundeskinderschutzgesetz“. Recht der Jugend und des Bildungswesens 59 (2), 189– 203 Merchel, J. (2008): „Frühe Hilfen“ und Prävention – Zu den Nebenfolgen öffentlicher Debatten zum Kinderschutz. Widersprüche 109 (3), 11–23 Merchel, J., Schone, R. (2006): Vereinbarungen mit Trägern von Einrichtungen und Diensten der Jugendhilfe gemäß §8a SGB VIII. Forum Erziehungshilfen 12 (2), 109–113 Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integra- tion des Landes Nordrhein-Westfalen (o.J.): Kindeswohl- gefährdung – Ursachen, Erscheinungsformen und neue Ansätze der Prävention. Peter Pomp, Bottrop Münder, J., Mutke, B., Schone, R. (2000): Kindeswohl zwi- schen Jugendhilfe und Justiz – Professionelles Handeln in Kindeswohlverfahren. Votum, Münster NZFH (o.J.): Was sind Frühe Hilfen? In: http://www.fruehe- hilfen.de/fruehe-hilfen/was-sind-fruehe-hilfen/ ; 03.12.2012 Rauschenbach, T., Pothmann, J. (2010): Frühe Hilfen als ak- tiver Kinderschutz. KomDat Jugendhilfe 13 (2), 1–2 Schmid, H., Meysen, T. (2006): Was ist unter Kindeswohlge- fährdung zu verstehen? In: Kindler, H., Lillig, S., Blüml, H., Meysen, T., Werner, A. (Hrsg.): Handbuch Kindes- wohlgefährdung nach §1666 BGB und Allgemeiner Sozi- aler Dienst (ASD). Kapitel 2. Deutsches Jugendinstitut e.V., München Schone, R. (2012): Einschätzung von Gefährdungsrisiken im Kontext möglicher Kindeswohlgefährdung. In: Merchel, J. (Hrsg.): Handbuch Allgemeiner Sozialer Dienst. Ernst Reinhardt, München/Basel, 265–273 Schone, R. (2011): „Frühe Hilfen“ und „Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung“ – Plädoyer für eine fachliche und begriffliche Differenzierung. In: Freese, J., Göppert, V., Paul, M. (Hrsg.): Frühe Hilfen und Kinderschutz in den Kommunen. Kommunal- und Schulverlag, Wiesbaden, 17–34
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