Handbuch 5. Auflage

812 Struck · Schröer  Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen lassen sich z. B., so Walther (2002, 1149) „entlang dieses Modells dahingehend unterscheiden, ob Jugendliche (vor allem ab 18 Jahren) eher als individuelle BürgerInnen (in den liberalen und vor allem sozialdemo- kratischen Wohlfahrtsstaaten) gelten oder eher als Noch- Nicht-Erwachsene, denen auf den normalbiographischen Weg geholfen werden muss (in den konservativen Wohlfahrtsstaaten).“ Ausgehend von dieser Perspektive sollte es eine Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe in Europa sein, einen differenzierten Blick für die Unter- schiede und Gemeinsamkeiten herauszubilden (Treptow 2002). So könnte ein gegenseitiges Ler- nen im Prozess des Vergleichens entstehen (Brandthorst /Homfeldt 2004; Lorenz 2005). In diesem Sinn könnte man z. B. die unterschiedliche Wahrnehmung der öffentlichen Verantwortung ge- genüber Kindern und Jugendlichen in den jeweili- gen Ländern thematisieren. Dies geht letztlich aber nur, wenn überregionale und länderübergreifende Netzwerke der Kinder- und Jugendhilfe auf unter- schiedlichen Ebenen weiter ausgebaut werden (Stein /Munro 2008), wie sie z. B. in unterschiedli- chen Austauschprogrammen und Regionen seit Jahren bestehen. Diese durchaus optimistische Perspektive des ge- genseitigen Lernens in der europäischen Entwick- lung sollte allerdings nicht verkennen, dass im Mittelpunkt des europäischen Einigungsprozesses die ökonomische Entwicklung und die Schaffung eines gemeinsamen Wirtschaftsraumes stehen. So dominieren gegenwärtig Einschätzungen, dass sich die soziale Ausgestaltung der Europäischen Union in einer Krise befinde, da ökonomische Strategien zur Verbesserung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit die sozialen und zivilgesell- schaftlichen Programme an den Rand drängen (Bieling / Deppe 2001). Es erscheint die Prognose plausibel, dass man nicht auf einen „europäischen Sozialstaat“ warten kann (Bauer 1992), sondern dass das Augenmerk bei der europäischen Sozial- entwicklung auf die Gestaltung des neuen „wel- fare-mix“ zwischen sozialstaatlichen, ökonomi- schen und zivilgesellschaftlichen Maßnahmen zu richten ist. Darum hat auch die Kinder- und Jugendhilfe nicht nur in den jeweiligen Ländern, sondern auch im eu- ropäischen Kontext – um so mehr – die Aufgabe, die öffentliche Verantwortung für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen sowie die zivilgesell- schaftliche Perspektive zu stärken. Sie hat nach An- satzpunkten zu suchen, wie die Rechte der Kinder und Jugendlichen und die sog. civil society in Eu- ropa gestärkt werden können. Über diesen europäi- schen Tellerrand hinaus gilt es aber auch, den Blick für andere transnationale Kontexte zu öffnen. Jeder und jedem sind die Zahlen über die weltweite Kin- der- und Jugendarmut und das Ringen um das all- tägliche Überleben vieler Kinder und Jugendlichen bewusst. Dieser Kampf ums Überleben ist der sozial konkrete Anknüpfungspunkt für eine Kinder- und Jugendhilfe, die sich transnational an Weltgerechtig- keit orientieren möchte (Jordan 2004). Es ist in diesem Zusammenhang aber auch darauf hinzuweisen, dass die Kinder- und Jugendhilfe erst dann glaubwürdig – über das Symbolische hinaus – für transnationale Rechte eintreten kann, wenn es ihr im eigenen Land gelingt, diese ent- sprechend umzusetzen. Ein „Nationaler Aktions- plan für ein kindergerechtes Deutschland 2005– 2010“ (NAP) enthält entsprechende Ziele zur Umsetzung der Kinderrechte. Im NAP heißt es z. B. im Hinblick auf Beteiligungsrechte: „Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Beteiligung. Sie müssen die Möglichkeit haben, ihre Interes- sen, Wünsche, Hoffnungen, Ängste und Probleme überall dort einzubringen, wo es um ihre Belange geht“ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2006, 50). Literatur AGJ – Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (Hrsg.) (2009): Übergänge – Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. Berlin – (Hrsg.) (2008): Reader Jugendhilfe. Berlin – (Hrsg.) (2006): Auswirkungen der Föderalismusreform auf die Kinder- und Jugendhilfe. Berlin Ayaß, W. (1995): „Asoziale“ im Nationalsozialismus. Stutt- gart, Klett-Cotta Bauer, R. (1992) (Hrsg.): Sozialpolitik in deutscher und eu- ropäischer Sicht. Deutscher Studienverlag, Weinheim Bieling, H.-J., Deppe, F. (2001): Die demokratische Frage im Zeitalter des „neuen Konstitutionalismus“. In: Gourd, A.,

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=