Handbuch 5. Auflage

Kinder- und Jugendhilfe 811 rum, eine erweiterte Lebensbewältigung für Kinder und Jugendliche zu ermöglichen, in der sie nicht um die Sicherung ihrer Handlungsfähigkeit bangen müssen und ihren Alltag als ein alltägliches „Über- die-Runden-kommen“ erleben, sondern sich in der Gestaltung sozialer Zusammenhänge erfahren kön- nen. „Sozialpädagogik will somit in ihrem eigenen Selbstverständnis helfen, dass die Individuen ihre Rolle als Opfer von Verhältnissen überwinden und ihre Lebensbedingungen als Subjekte selbst ausfül- len. […] Dazu sucht sie Lebensräume zu eröffnen“ (Winkler 1988, 265). Darum bedarf es sozial abge- sicherter und damit überdauernder sozialer Sorge, Erziehungs- und Bildungsumwelten sowie -bezie- hungen für die Kinder und Jugendlichen, in denen sich Strukturen zur Selbstwertschöpfung, Erlangung von Anerkennung und Entwicklung sozial gerichte- ter Selbstwirksamkeit herausbilden können. Vor diesem Hintergrund gerieten seit den 1970er Jahren vor allem die Institutionen des Aufwachsens in die Kritik. Die Kinder und Jugendlichen wür- den nicht als Akteure ihrer alltäglichen Lebensbe- wältigung wahrgenommen, die einen Anspruch auf Selbstbestimmung haben. Der Alltag wurde dabei als die Sphäre des Erlebens und Handelns, als Ereignisbereich des täglichen Lebens, als jeder- mann verfügbare Wissensform den Zweckwelten der Institutionen gegenüber gestellt (Thiersch 1992). In der Folge dieser Grundstimmung entwi- ckelte sich in den 1980er Jahren der Diskurs um die sog. lebensweltorientierte Kinder- und Jugend- hilfe. Kinder- und Jugendhilfe sollte nicht mehr von den Logiken der Institutionen und den damit verbundenen autoritären Strukturen entworfen werden, sondern von den alltäglichen Lebenswel- ten der Kinder und Jugendlichen ausgehen. Der Ansatz einer lebensweltorientierten Kinder- und Jugendhilfe prägte auch den (1990) veröffentlich- ten Achten Jugendbericht der Bundesregierung. Die darin dargelegten Strukturmaximen haben seither die Diskussionen der Kinder- und Jugend- hilfe maßgeblich beeinflusst: Prävention ■ ■ Dezentralisierung und Regionalisierung ■ ■ Alltagsorientierung in den institutionellen Settings ■ ■ Integration – Normalisierung ■ ■ Partizipation (Bundesministerium für Jugend, Fa- ■ ■ milie, Frauen und Gesundheit 1990, 85 ff.) Der achte Kinder- und Jugendbericht hat diese Bedeutung auch darum erhalten, da er fast zeit- gleich mit dem neuen SGB VIII / KJHG ver- öffentlicht und vielfach als Umsetzungsprogramm dieses Gesetzes gelesen wurde. Mit der Lebens- weltorientierung als Grundrichtung der Kinder- und Jugendhilfe ging es um die Abkehr von einer institutionenorientierten Eingriffsmentalität in die Familien. Die Haltung der pädagogischen Fachkräfte sollte stattdessen von dem Grund- gedanken der demokratischen Beteiligung der Kinder und Jugendlichen sowie der Familien ge- tragen sein. Kinder- und Jugendhilfe –  europäische Herausforderungen Gleichzeitig befindet sich die Kinder- und Jugend- hilfe in einem neuen internationalen Klima. Viele Veränderungen in der Sozialpolitik und in der Kin- der- und Jugendhilfe sind nur vor dem Hinter- grund europäischer und internationaler Entwick- lungen zu verstehen. Ein einheitliches Bild einer europäischen Kinder- und Jugendhilfe ist ange- sichts der sozialen, kulturellen und politischen Ei- genarten der europäischen National- und Sozial- staaten zwar nicht in Sicht. Dennoch findet gegenwärtig ein Prozess statt, in dem ausgehandelt wird, wie die europäische Verantwortung für das Aufwachsen der Kinder und Jugendlichen zukünf- tig gestaltet werden soll. Für die pädagogischen Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe erscheint es grundlegend, die öf- fentliche Verantwortung gegenüber den Kindern und Jugendlichen im Kontext der unterschiedli- chen Wohlfahrtsregimes zu begreifen, wie sie für die unterschiedlichen Regionen in Europa charak- teristisch sind. Unter Wohlfahrtsregimes werden die jeweils nationalspezifischen, historisch gewor- denen Entwicklungskontexte sozialstaatlicher In- stitutionen und Einrichtungen – wie z. B. der Kin- der- und Jugendhilfe – verstanden, die das je besondere sozialpolitische und sozialpädagogische Verständnis öffentlicher Verantwortung für die Lebenslagen in den nationalen Gesellschaften prä- gen. Dazu gehören auch die unterschiedlichen Traditionen und Begriffe im Umgang mit Kindern und Jugendlichen, mit Familien, sozialer Ungleich- heit und sozialen Konflikten: Die Lebenslagen von

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