Handbuch 5. Auflage
849 Klasse, Schicht, Milieu Von Michael Vester Gesellschaften teilen sich in große Gruppen, die sich voneinander durch ungleiche Macht, Funktionen, Chancen und Praxisformen unterscheiden. Sie bil- den einen gegliederten Zusammenhang, in dem sie voneinander „funktional“ abhängig und zugleich einander über- und untergeordnet sind. Je nach Art dieser Gliederung werden die Gruppen verschieden, als Kaste, Stand, Klasse, Schicht oder Milieu, be- zeichnet. Kasten- und Ständegliederungen sind rela- tiv statisch, Klassen- und Schichtgliederungen ver- ändern sich historisch aufgrund widersprüchlicher innerer und äußerer Dynamiken. Damit verändern sich auch die Teilungen nach Geschlecht, Ethnie, Alter usw., die sich mit den gesellschaftlichen Tei- lungen überschneiden und verbinden. Den sozialen Teilungen entsprechen Unterschiede in der Lebens- weise, der Weltsicht, der Mentalitäten und der Pra- xisformen. Die in Wissenschaft und Gesellschaft benutzten Bezeichnungen und Konzepte dieser Tei- lungen haben vielfältige und kontroverse Bedeutun- gen, die den verschiedenen Perspektiven der jeweili- gen Akteure und ebenso der Sozialwissenschaften entsprechen. Von der ständischen Gesellschaft zur industriellen Klassengesellschaft Der Begriff der sozialen Klasse, der zuerst in der Antike für Zwecke der Steuererhebung benutzt wurde, wird heute vor allem für Gesellschaften ver- wendet, die auf kapitalistische Marktwirtschaften gegründet sind. In Europa hat er seit dem Ausgang des 18. Jh. nach und nach die Begriffe „Stand“, „Rang“ und „Ordnung“ ersetzt. Dies war insbeson- dere eine Folge der politischen Revolution in Frank- reich und der industriellen Revolution in England. Während des Übergangs zur Demokratie und zum modernen Industriekapitalismus wurden die herr- schenden Stände, Klerus und Adel (gegründet auf ererbte Rangstellungen), durch den „Dritten Stand“ (gegründet auf den individuellen Gewerbefleiß) he- rausgefordert, der sich auf seine produktive Funk- tion in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung berief. Seit dem Anfang des 19. Jh. trat innerhalb dieser „produktiven Klasse“ (Saint-Simon) eine neue so- ziale Teilung in den Vordergrund: der Gegensatz zwischen industriellen Kapitalisten und Lohnarbei- tern. Daraus ergab sich das Konzept der Teilung in drei grundlegende soziale Klassen: die alten Ober- klasse der landbesitzenden Aristokratie (die von ihrer Grundrente lebte), der neuen „Mittelklasse“ (Engels) der industriellen Bourgeoisie (die von ihren Kapital- erträgen lebte) und die Lohnarbeiter oder das Pro- letariat (das von seiner manuellen Arbeit lebte). Das Konzept der drei Klassen und ihrer Defini- tion durch Marktbeziehungen wurde von politi- schen Ökonomen wie Ricardo (1817) näher aus- gearbeitet. Es war eng mit den sozialen und politischen Konflikten des 19. Jh. verknüpft und beherrschte daher von Marx bis zu Weber die Debatten. In den Diskussionen waren hauptsäch- lich zwei Lager zu unterscheiden. Ihre Differenzen bestanden nicht darin, ob es in der neuen, indus- triekapitalistischen Ordnung Klassen gebe, son- dern darin, was sie bewirken und tun. Sozialisti- sche und linke Theorien nahmen an, dass aus den Widersprüchen und Konflikten der kapitalisti- schen Klassengesellschaft schließlich eine neue, nachkapitalistische Gesellschaftsordnung entste- hen würde. Bürgerliche und liberale Theorien nahmen dagegen an, dass dies bei einer richtigen institutionellen Organisation zu vermeiden sei. – Über das „Wie“ dieser Entwicklungen waren aller dings sowohl das liberale wie das sozialistische Lager in eine evolutionistische und eine interven- tionistische Theorierichtung tief gespalten. Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art080, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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