Handbuch 5. Auflage

850 Vester  Die evolutionistischen Theorien verstanden die ge- sellschaftliche Entwicklung als Folge ökonomischer Naturgesetze. Im liberalen Lager behauptete die sich auf Adam Smith berufende Laissez-faire-Rich- tung, wenn man in diese Gesetze nicht eingreife, sondern ihnen freien Lauf lasse, würden die Klas- sengegensätze durch eine allgemeine Verbreitung des Wohlstands ausgeglichen. Im sozialistischen Lager nahm die sich auf Marx berufende staatssozi- alistische Doktrin an, dass sich gerade durch das Laissez-faire die Klassenverhältnisse so polarisieren würden, dass eine politische Revolution, gefolgt von der Einführung des Sozialismus durch den Staat, unvermeidlich würde. Die interventionistischen Theorien bestritten nicht das mächtige Wirken ökonomischer Ak- teure und Gesetzmäßigkeiten, beharrten aber da- rauf, dass das Handeln der gesellschaftlichen Gruppen und des Staates daraus nicht „abgeleitet“ werden, sondern in sie gestaltend eingreifen könnte. Gegen den Zeitgeist evolutionistischer Automatismen entwarf die entstehende klassische Soziologie, für die neben Weber und Durkheim durchaus auch Marx steht, eine eigene „Theorie der Praxis“ oder „Theorie des sozialen Handelns“, mit der die aktive Rolle und die Handlungslogi- ken gesellschaftlicher und politischer Gruppen und Institutionen herausgearbeitet werden konnte. Kontrovers blieb aber, ob damit die ka- pitalistischen Klassengegensätze überwunden oder nur abgemildert werden sollten oder konn- ten. Der soziale bürgerliche Liberalismus bis zum Ers- ten Weltkrieg, für den besonders Weber steht, engagierte sich für die Ersetzung autokratischer Regime durch die repräsentative Demokratie, für den Abbau ständischer Privilegierungen durch gleiche soziale und politische Wettbewerbschan- cen und für die Korrektur marktwirtschaftlicher Schieflagen durch staatliche Sozialpolitik und ak- tive Gewerkschaften. Im Gegensatz zu Weber ging Marx davon aus, dass die bürgerlich-kapita- listische Gesellschaft neue Klassenwidersprüche enthalte, die im Kapitalismus nicht zu lösen seien und aus denen sich die objektive Möglichkeit ei- ner nachkapitalistischen, demokratischeren Ge- sellschaft entwickeln könne, einer „Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Be- dingung für die freie Entwicklung aller ist“ (Marx / Engels 1848 / 1959, 482). Im Gegensatz zu den Staatssozialisten bestand er aber darauf, dass diese Entwicklung über soziale Gegenbewe- gungen und Gegeninstitutionen schon im Schoße der kapitalistischen Gesellschaft beginnen sollte. Marx: Klassenpolarisierung oder Gegenmachtentwicklung Auf Karl Marx werden zwei Konzepte der Ent- wicklung sozialer Klassen zurückgeführt. Das me- chanistische Modell , das im „offiziellen“ Partei- marxismus entstand, geht von der Zwangsläufigkeit einer ökonomischen Polarisierung und politischen Revolution aus. Fast alle Klassen- und Schich- tungstheorien haben ihr Profil durch Abgrenzung von diesem antagonistischen Klassenmodell des Marxismus gewonnen. Dabei bleibt unbeachtet, dass Marx in seinen politischen Schriften und his- torisch-empirischen Analysen ein heuristisches Klassenkonzept entwickelt (Vester 2008), nach der die Arbeiterklasse nicht nur durch die kapita- listischen Herrschaftsbedingungen erzeugt wird, sondern sich durch Kampf, organisierten Zusam- menschluss und institutionelle Gegenmachtent- wicklung schon im Schoße der alten Gesellschaft selbst erzeugt. (1) Das Modell des „offiziellen Marxismus“, das soziales Handeln als direkte „Widerspiegelung“ aus der Ökonomie „ableitet“, nimmt eine mechanische Abfolge von antagonistischer Klassenpolarisierung, Krise, Verelendung, Empörung, Eroberung der Staatsmacht und Umgestaltung der Gesellschaft von oben an. Das Modell, das sich zur Rechtfer- tigung der Führungs- oder Herrschaftsrolle einer Partei eignet, stützt sich auf die einseitige Auswahl von Textstellen von Marx und Engels, die sich auf eine ganz besondere historische Situation beziehen, die Zuspitzung der englischen Klassenkonflikte in den 1840er Jahren, als das Bürgertum das Arbeiter- wahlrecht und Sozialreformen noch rigoros ab- lehnte. (2) In der Gesamtheit seiner Analysen versteht Marx die sozialen Klassen in größerer historischer Per- spektive. Er nahm an, dass die Konstituierung der Arbeiterklasse einem ähnlichen historischen Ent- wicklungsmuster folgen würde wie die der bürgerli- chen Klasse. Deren Emanzipationsprozess sei kein automatischer ökonomischer, sondern auch ein ak- tiver politischer Prozess gewesen, in dem über Jahr-

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=