Handbuch 5. Auflage
866 Vester Mit dem Raummodell können auch die Erwerbs- tätigen der bisherigen heterogenen Großkategorie der Dienstleistungen (mit 65% der Erwerbstäti- gen, Tab. 3) aufgeteilt und homogeneren Teilgrup- pen (den Managementberufen, den technischen Experten und den interpersonellen Dienstleistun- gen) zugeordnet werden. Dadurch wird sichtbar, dass es einen Trend zu einer „postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft“ (Bell 1973 / 1985) nicht gibt, in der die Industrie bedeutungslos wird und die belastende, entfremdete und fremdbe- stimmte abhängige Arbeit und die Klassengegen- sätze verschwinden. Die Daten bestätigen die drei Strukturverschiebungen, aber nicht als lineare „Trends“, die geradlinig in die Zukunft verlängert werden können, sondern als Entwicklungen, die aufgrund der Konfliktstruktur der Gesellschaft wi- dersprüchlicher verlaufen, in Deutschland sogar deutlich gebremster als in Vergleichsländern, die anderen „Pfaden“ der Wirtschafts- und Sozialpoli- tik folgen. Höherqualifikation: 1. Die Daten zeigen eine nach- haltige, wenn auch gebremste vertikale Bewegung in Richtung höherer Qualifikationen, der nur be- dingt ein Trend zur Niedrigqualifikation gegen- übersteht. (a) Die akademischen Professionen ha- ben sich von 15,6% auf 22,2% und (b) die fachgeschulten Semiprofessionen von 21,5% auf 24,9% vermehrt. (c) Die Erwerbstätigen mit Fach- lehre haben sich von 38,0 auf 31,1% und (d) die an- und ungelernten Erwerbstätigen von 27,4% auf 21,9% verringert. Wie die Daten zeigen, hatte diese Qualifikations- verteilung schon 1990 nicht mehr die Form einer Pyramide mit einer schmalen Spitze hoher und ei- ner breiten Basis geringerer Qualifikationen, son- dern die einer Orange, in der die beiden mittleren Stufen zusammen etwa 60% einnahmen. Seitdem hat sich die breite Mitte der „Orange“ ein Stück weit nach oben verschoben. Man spricht von einem „polarisierten upgrading“, weil die Beschäftigung in den mittleren Berufsgruppen stärker zurück- gegangen ist als in den unteren. Im internationalen Vergleich (Tab. 5) lagen in der BRD um 2000 die technischen Professionen trotz Wachstums mit 4,5% noch um 1,4% bzw. 1,5% hinter Schweden und der Schweiz, die technischen Semiprofessio- nen, die sich sogar auf 4,9% verringert hatten, ebenfalls. Die Daten sind im Einklang mit dem auch von Unternehmerseite beklagten „Fachkräfteman- gel“, u.a. ein Folge des ständisch segmentierten deutschen Bildungssystems. Tertiarisierung: 2. Im Zusammenhang mit diesen Ent- wicklungen wirkt eine anhaltende horizontale Klas- sendifferenzierung von der Industrie zu den organi- satorischen und mehr noch den interpersonellen Dienstleistungen. Die technisch-industriellen Berufe sind erheblich, von 42,6% auf 32,3%, geschrumpft. Prozentual tauchen die freigesetzten 10,3% in den Dienstleistungssektoren wieder auf. Trotz erheblicher Abnahme ist der Sektor der a. tech- nisch-industriellen Berufe mit 32,3% der Erwerbs- tätigen immer noch der größte der drei Sektoren in der BRD und größer als in den Vergleichsländern. Auch die Facharbeiter und Fachhandwerker sind trotz Rückgangs von 20,8% auf 13,2% noch die größte der 17 Erwerbsklassen in Deutschland und auch zwischen 4,8% und 8,3% größer als in den Vergleichsländern. Das industrialistisch-facharbei- terische deutsche Produktionsmodell behält also seinen Vorsprung, aber nähert sich in den Beschäf- tigtenzahlen ein Stück weit an die internationale „Normalität“ an. Bei den organisatorischen Berufen, d.h. den öf- b. fentlichen und privaten Management- und Verwal- tungs-, Finanz-, Vermarktungs- und Rechtsberufen war das Wachstum mit nur 2,7% moderat und auf die beiden oberen Stufen konzentriert. Dagegen sind die interpersonellen Dienstleistun- c. gen von 23,6% auf 27,9% (+ 4,3%) gewachsen und der einzige Sektor, in dem nicht nur die obe- ren Gruppen zunehmen. Das größte Gewicht hat die Teilgruppe der (eher öffentlichen) Human- dienstleistungen (Forschungs-, Bildungs-, Kultur-, Gesundheits-, Pflege-, Sozial- und Ordnungs- berufe), die für die gesamtgesellschaftliche Ent- wicklung und Integration langfristig besonders wichtig ist. Im internationalen Vergleich bilden die Humandienstleistungen die größten Expansi- onspotenziale des Arbeitsmarktes. Sie sind aber in der BRD nur in stark gebremstem Umfang ge- wachsen und lagen 2000 mit 26,9% um 6,2% unter Schweden. Die chronische Unterfinanzie- rung durch den Staat drückt die Beschäftigten- zahl und die Qualität der Humandienstleistungen herab. Ein Ausbau der zukunftswichtigen Human- dienstleistungen könnte dagegen, als wichtigster
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