Handbuch 5. Auflage
Klasse, Schicht, Milieu 865 Entgegen wirtschaftsliberalen Vorhaltungen han- delt es sich also nicht um ein protektionistisches Modell. Dass dann im deutschen Wohlfahrtsstaat die Siche- rung einer großen arbeitnehmerischen Mitte erfolg- reich war, ist durch das „industrielle Produktions- modell“ ermöglicht worden, das die internationale Vorrangstellung der deutschen Exportwirtschaft be- gründet hat. Sie beruhte auf einer hochwertigen Produktionsleistung, allerdings mit Fachkräften, deren hohe Arbeitsleistung vor allem auf der mitt- leren Ebene der Berufs- und Allgemeinbildung ein- gestuft und bezahlt wurde. Bis in die 1990er Jahre konnte der begrenzte Aufstieg durch gute und si- chere Arbeitsplätze schmackhaft gemacht werden. (c) Der liberale Pfad der angelsächsischen Länder knüpft an die radikale liberale Laissez-faire Politik an, die die starken sozialen Polarisierungen und Konfrontationen während der industriellen Revo- lution herbeigeführt hatte. Deren neoliberale Neu- auflage verstärkte, durch Deregulierung und staat- liche Sparpolitik, vertikale Polarisierungen. Im Interesse der bürgerlichen Mittel- und Oberschich- ten setzt er auf individuelle Konkurrenz um sozia- len Aufstieg und Abstieg, dessen Risiken nicht von der Gesellschaft, sondern durch private Selbstvor- sorge abgesichert werden sollen. Diejenigen, die nicht mithalten können, werden auf staatliche Mi- nimalsicherungen bzw. Beschäftigungen im expan- dierenden Niedriglohnsektor verwiesen. Die Rückwendung der ersten beiden Wohlfahrts- staatsmodelle zu wirtschaftsliberalen Politiken ba- gann bald nach Brandts Wahl zum Kanzler als Gegenbewegung zu dem neu entstandenen gesell- schaftspolitischen Lager, das auf eine Erweiterung der demokratischen Entscheidungsbefugnisse, eine im Alltag beginnende „postmaterielle“ oder „par- tizipatorische“ Demokratie drängte. Sein „anti- autoritärer“ Impetus war nicht allein moralisch, sondern auch in den sozialen und beruflichen Strukturverschiebungen begründet. Hier standen sich die traditionellen und die wachsenden moder- nen Berufsgruppen gegenüber. Wie Walter Müller (1998b) amWahlverhalten der oberen Berufsgrup- pen nachgewiesen hat, neigen die traditionellen „Klassenfraktionen“ der „administrativen Dienst- klasse“, denen es um die Einordnung in vorgege- bene Autoritätshierarchien geht, mehr zum schwarz-gelben Parteienspektrum und die wach- sendenmoderneren Berufsgruppen der technischen Experten und Humandienstleistungen, die an mehr Autonomie auch am Arbeitsplatz interessiert sind, mehr zum rot-grünen Parteienspektrum. Diesen Interessengegensätzen entsprechend ent- zündeten sich die Konflikte bereits um 1970 be- sonders an zwei Feldern der staatlichen Politik, der Finanz- und Bildungspolitik. Deren Ausweitung tangierte die Vorrechte von zwei „Fraktionen“ der oberen Milieus: der konservativen Fraktion des Bildungsbürgertums, die in den Meinungskam- pagnen im Bildungsbereich (gegen Gesamtschulen, Mitbestimmung an den Universitäten usw.) mobi- lisiert wurde, und der liberalen Fraktion der ver- mögenden und gut verdienenden Oberschicht, die für die Senkung der Steuern, Arbeitseinkommen und Wohlfahrtsausgaben eintrat. Ihre Mobilisie- rung trug nicht unwesentlich zu den Wahlsiegen von Reagan in den USA (1979), Thatcher in Groß- britannien (1980) und Kohl in der Bundesrepublik (1982) bei. Insbesondere Erstere beschleunigten die Deregulierung des internationalen Währungs- und Finanzsystems, durch die die Länder des kon- servativen und des sozialdemokratischen Pfadmo- dells zur neoliberalen Wende ihrer Haushalts- und Gesellschaftspolitiken genötigt wurden. Ökonomische Erwerbsklassen: drei gebremste Dynamiken Unter den Verhältnissen des Wohlfahrtsstaates hatte die enorme Zunahme der Höherqualifikation, der Tertiarisierung und der weiblichen Erwerbstätigkeit dazu beigetragen, die steile Pyramide der Ungleich- heit durch eine ausgeglichenere Sozialstruktur mit einer breiten Mitte zu ersetzen. Mit dem Abbau des Wohlfahrtsstaats wirken dem seit dem Ausgang der 1970er Jahre Kräfte einer neuen Polarisierung in ein soziales Oben und Unten entgegen. Diese haben die dreifache Dynamik der Produktivkräfte nicht um- kehren, aber doch bremsen können. Diese Entwick- lung lässt sich empirisch an den räumlichen Ver- schiebungen im Gesamtgefüge der ökonomischen Erwerbsklassen ablesen, das hier nach dem Raum- modell von Oesch (2006) dargestellt ist (Tab. 4). Eine Längsschnittanalyse anhand der repräsentati- ven Daten des Deutschen Sozioökonomischen Pa- nels (GSOEP) erlaubte eine nähere quantitative Be- stimmung der Strukturverschiebungen von 1990 bis 2007 (Vester et al. 2009).
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