Handbuch 5. Auflage
868 Vester Hebel einer staatlichen Investitions- und Beschäf- tigungspolitik, die von der Industrie Freigesetzten auffangen. Feminisierung: 3. Durch parallele Dynamiken des „Wertewandels“ und des Erwerbssystems hat die Beteiligung der Frauen an der Erwerbsarbeit und an der Bildungsexpansion erheblich zugenommen. Von 1970 bis 2001 ist in der BRD der Anteil der Frauen an den Erwerbstätigen von 35,7% auf 44,0% gestiegen (Tab. 3). Der internationale Ver- gleich der Frauenanteile zeigt noch eine krasse ge- schlechtliche Segmentierung des Arbeitsmarktes und geringere Aufstiegschancen der Frauen (Tab. 6). Diese Ungleichheiten sind im deutschen „Al- leinverdienermodell“ der Familie stärker aus- geprägt als im schwedischen „Doppelverdien- ermodell“, das den Frauen mit dem Ausbau der Gesundheits-, Bildungs- und Sozialdienstleistun- gen mehr Arbeitsplätze und Weiterbildungsauf- stiege anbietet. Länder mit dem konservativen „Al- leinverdiener-Modell“ entlasten erwerbstätige Frauen weniger und haben daher niedrigere Ge- burtenraten. In Deutschland wachsen allerdings mit der Expansion der höher qualifizierten Berufe und der Humandienstleistungen (Tab. 4) ebenfalls die Berufsgruppen, in denen vergleichsweise hö- here Frauenanteile beschäftigt werden, wenn auch in gebremstem Umfang (Tab. 5). Bourdieu: Soziale Klassenmilieus als Akteure Um die Zunahme von Bildung, Autonomiestreben und Partizipationsansprüchen in der Alltagskultur besser erfassen zu können, haben sich die Sozialwis- senschaften seit den 1970er Jahren zunehmend den kulturellen Veränderungen und insbesondere den Lebensstilen und Alltagsmilieus und den Differen- zierungen nach Geschlecht, Alter und Ethnie zuge- wandt. Einige Autoren interpretierten diesen „cul- tural turn“ als Überwindung der Einflüsse von Ökonomie und Klassenzugehörigkeit durch eine völlig autonome, „individualisierte“ Wahl der Le- bensstile und als „Ende“ der Klassenteilungen (Beck Tab. 5: Wirtschaftssektoren im internationalen Vergleich Wirtschaftssektoren im internationalen Vergleich (BRD 2000 / Schweden 2000 / Schweiz 1999 /Vereinigtes Königreich 1999) Größe der Sektoren Interpersonelle Dienstleistungen D S CH UK Technisch-industrielle Berufe D S CH UK Sektorgrößen insgesamt (Frauen- anteil) 26,9% (61%) 33,1% (71%) 26,1% (53%) 25,7% (65%) 36,1% (15%) 30,2% (19%) 31,1% (18%) 27,3% (17%) Differenz Deutsch- lands zu Schweden (Differenz im Frauenanteil) Interpersonelle Dienstleistungen −6,2% (−10%) Technisch-industrielle Berufe 5,9% (−4%) Zusammensetzung der Sektoren Interpersonelle Dienstleistungen D S CH UK Technisch-industrielle Berufe D S CH UK 1. Professionen (Frauenanteil) 4,8% (51%) 5,1% (51%) 6,2% (36%) 4,4% (58%) 4,5% (14%) 5,9% (25%) 6,0% (8%) 3,8% (16%) 2. Semiprofessionen (Frauenanteil) 6,7% (75%) 7,9% (80%) 6,9% (63%) 5,9% (80%) 4,9% (27%) 6,0% (28%) 5,5% (21%) 3,6% (35%) 3. Lehrberufe (Frauenanteil) 4,3% (47%) 9,4% (74%) 3,7% (50%) 6,1% (54%) 13,1% (6%) 8,6% (9%) 9,7% (7%) 9,9% (7%) 4. An- und Un- gelernte (Frauen- anteil) 11,1% (62%) 10,8% (73%) 9,3% (57%) 9,3% (67%) 12,0% (20%) 9,0% (18%) 8,5% (31%) 9,3% (67%)
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=