Handbuch 5. Auflage
Klasse, Schicht, Milieu 869 1983; 1986). Andere verstanden ihn als Ergänzung der vereinfachenden ökonomischen Klassentheorien durch die fehlenden Dimensionen (Bourdieu 1979/1982; Hradil 1987; Sünker 1989; Vester et al. 2001; Solga et al. 2009). Das Konzept der ökonomischen Erwerbsklasse (nach Weber) wurde dadurch insbesondere für die Analyse des ökonomischen Handlungsfelds nicht nutzlos. Das Konzept der sozialen Klasse oder des Klassenmilieus (nach Weber, Durkheim und Bour- dieu) wollte zusätzlich die anderen Handlungsfel- der einbeziehen, lag also quer zu dem akademi- schen Schulenstreit zwischen „objektivistischen“ und „subjektivistischen“ Richtungen. Bourdieu definiert soziale Klassen nicht über „Merkmale“, sondern über „Relationen“, die Praxis sozialer Be- ziehungen. Die Klassenzugehörigkeit beruht, wie Bourdieu (1983) am Bürgertum darlegt, auf der Teilnahme am praktischen Beziehungszusammen- hang des Klassenmilieus, über den dem Einzelnen nicht nur ökonomisches Kapital vererbt, sondern auch sein Kapital an sozialen Beziehungen und, über die subtilen Interaktionen der Sozialisation, die Grundzüge eines bestimmten Habitus vermit- telt werden. Der Habitus, die ganze innere und äußere Hal- tung, bildet das „einheitsstiftende“ Prinzip aller Praxisäußerungen, d. h. der Art des Geschmacks, der Umgangsformen, der Körperlichkeit, der sozia- len Klassifikationsschemata und der moralischen Bewertungen. Es handelt sich nicht um ein aus in- tellektualistischer Sicht vermutetes „System universeller Formen und Kategorien, sondern um inkorporierte Schemata , die im Verlauf der kollektiven Geschichte ausgebildet und vom Individuum in der je eigenen Geschichte erworben, sowohl in praxi wie für die Praxis funktionieren […], die aus der objektiven Tren- nung von ‚Klassen‘ hervorgegangen (Alters-, Ge- schlechts-, Gesellschaftsklassen), jenseits von Bewusst- sein und diskursivem Denken arbeiten.“ (Bourdieu 1982, 729 f.) In den Verhaltensmustern des Habitus sind die biographischen Strategien der Reproduktion der Klassenstellung , d. h. bestimmte Bildungs- und Berufswege, angelegt (227 ff.). Dabei ist die Re- produktion der allgemeinen gesellschaftlichen Stellung wichtiger als die der engeren beruflichen Stellung. So wählte das Bürgertum in den 1950er Jahren, als es weniger Privatunternehmen zu ver- erben gab, die „Umstellungsstrategie“ des Erwer- bens von höherer Bildung, die für das Überwech- seln in standesgemäße Managementberufe erforderlich war (Bourdieu / Passeron 1964 / 2007; Bourdieu 1979 / 1982, 227 ff.). Um allgemeiner darstellen zu können, dass sich so- ziale Klassen durch Umstellungen auf modernere Bedingungen in neue Klassenfraktionen ausdiffe- renzieren, entwickelte Bourdieu (1979 / 1982, 212 f.) das innovative Konzept des mehrdimensio- nalen sozialen Raums . In diesem bildet er neben der vertikalen Stufung auch die horizontale Differen- zierung ab, die mit der Zunahme des kulturellen Kapitals bei den jüngeren Klassenfraktionen ver- bunden ist. Bourdieu kann damit, wie vor ihm nur Geiger (1932), als erste Ebene des Raums den „Raum der sozialen Positionen“ mit allen Berufs- feldern darstellen. Parallel entwickelt er als zweite Ebene den vollständigen „Raum der Lebensstile“ als eine typologisch aufgefächerte „Landkarte“. In- dem er beide Landkarten mittels statistischer Kor- respondenzanalysen aufeinander bezieht, stellt er eine ähnliche Logik („Homologie“) fest: den Be- rufsfeldern entsprechen sehr weitgehend, wenn auch nicht vollständig, die Stilpräferenzen. Damit können aber nicht alle Handlungslogiken widerspruchsfrei aus der ökonomisch-beruflichen Klassengliederung ‚abgeleitet‘ werden. Sie entwi- ckeln – nach Bourdieus Theorem der „relativen Autonomie“ der Felder – erhebliche eigene Dyna- miken und Differenzierungen: (a) Bourdieu sieht eine Homologie nur für die Felder der Alltagser- fahrung und nicht für den „politischen Raum“ (Bourdieu 1982, 707). Die Teilungen nach partei- politischen Lagern folgen den besonderen Logiken des politischen Feldes und geben daher die sozialen Klassenteilungen nur in einer „systematischen Ver- zerrung“ wider. (b) Bourdieu blendet die anderen sozialen Teilungen nicht aus, sondern interpretiert sie als mit der gesellschaftlichen Klassengliederung verflochtene Momente ungleicher Machtverteilung. Die Klassen unterscheiden sich durch verschie- dene, teils repressive und teils eher partnerschaftli- che Arrangements der Geschlechter, Altersgruppen und ethnischen Gruppen. (c) Nicht zuletzt doku- mentiert Bourdieu (212 f.) für alle sozialen Klassen horizontale Verschiebungen zu modernen Berufen, die mehr Spezialisierung und Bildungskapital er- fordern und mit weniger restriktiven Lebensstilen
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