Handbuch 5. Auflage

Klasse, Schicht, Milieu 873 staltung des Wohlfahrtsstaates und den Ausbau der Humandienstleistungen, in denen viele von ihnen beschäftigt sind. Wie die Wahlergebnisse zeigen, gehören diese poli- tischen Ordnungs- und Gerechtigkeitsvorstellun- gen zu den dauerhaften Verhaltensdispositionen. Die Volksparteien brauchen verschiedene Flügel, um diese verschiedenen Wählerklientelen anspre- chen zu können. Doch in ihnen haben nach 1990 neoliberale Fraktionierungen die Vorherrschaft ge- wonnen. Dies hat bei einer Mehrheit, wie Umfra- gen bestätigen, zur „politischen Verdrossenheit“ geführt. Erhebliche Wählerpotenziale sind von den Volksparteien zu den kleinen Parteien bzw. der Gruppe der Nichtwähler abgewandert. Dies hat zu einer „Krise der politischen Repräsentation“ bei- getragen (Vester et al. 2001, 116 ff.). Es gab dazu auch kritische Diskurse, aber diese haben erst seit der 2008 ausgelösten finanzkapitalistischen Krise wieder an Gewicht gewonnen. Zukunftsszenarien: Pfadalternativen in der Weltgesellschaft Das neoliberale Versprechen, durch das freie Spiel der Marktkräfte die Entwicklung der Produktiv- kräfte freizusetzen, hat sich nicht erfüllt. Das von den Stagnationstendenzen ausgelöste Wettrennen Tab. 6:  Soziale Ordnungsmodelle der gesellschaftspolitischen Lager in der BRD Vertikale Zu- ordnung Gesellschaftspolitisches Lager Modell der sozialen Ordnung Größe Milieuschwerpunkt (mit an- grenzenden Milieuteilen) Elitemodelle (ca. 25%) Radikaldemokratisches Lager Postmaterialistisch-liberales Elite­ modell ca. 11% Höhere Bildungsmilieus Traditionell-konservatives Lager Konservatives Fürsorgemodell ca. 14% Höhere und mittlere Führungs­ kräftemilieus Solidaritäts- modelle (ca. 49%) Gemäßigt-konservatives Lager Konservatives Solidaritätsmodell ca. 18% Kleinbürgerliche Arbeitnehmer­ milieus Sozialintegratives Lager Postmaterialistisch-solidarisches Modell ca. 13% Autonomieorientierte Arbeit- nehmermilieus Skeptisch-distanziertes Lager Solidarität auf Gegenseitigkeit ca. 18% Autonomieorientierte Arbeit- nehmermilieus Protektionisti- sche Modelle (ca. 27%) Enttäuscht-autoritäres Lager Populismus / Schutz vor (auslän- discher) Konkurrenz ca. 27% Kleinbürgerliche und unter­ privilegierte Arbeitnehmer­ milieus um die „Exportweltmeisterschaft“ hat sich zumTeu- felskreis entwickelt. Je mehr durch exportfördernde Kostensenkungen die Inlandsnachfrage gedämpft wurde, desto mehr wurde die Gesamtnachfrage vom Export abhängig. Durch enorme gewinnfördernde Steuer- und Kostensenkungen stiegen nicht nur die sozialen, sondern auch die ökonomischen Kosten der gesteigerten Exportorientierung. Die Disparitä- ten zwischen Ländern, die zu viel und die zu wenig exportierten, nahmen ebenso zu wie die Schwäche der heruntergesparten Inlandsnachfrage. Ende 2008 erreichte diese Entwicklung ihren Kul- minations- und möglichen Wendepunkt. Die Spe- kulationsblase des Finanzmarktkapitals, die die Stagnationstendenzen überspielen sollte, wurde so aufgebläht, dass sie zum dritten internationalen Börsenzusammenbruch seit den 1970er Jahren führte. Die Krise konnte nicht mehr „ausgesessen“ werden wie ihre beiden Vorgänger. Denn die in- ternationale Konstellation hatte sich wesentlich verändert. Zum einen hat die Finanzkrise in der BRD die Nachfrage nach Industriegütern aus den USA und den anderen verschuldeten Volkswirt- schaften um bis zu 30% einbrechen lassen. Zum anderen hat die konkurrierende Wirtschaftskraft der neuen großen Industrieländer in Asien und Lateinamerika erheblich zugenommen. Sie stabili- sieren zwar den deutschen Export durch ihre Nach- frage vor allem im Maschinen- und Anlagenbau,

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