Handbuch 5. Auflage
872 Vester bedingt bereits bei der Formierung des individuel- len Habitus Bildungsvorsprünge, die vom Bil- dungssystem kaum ausgeglichen werden. In den gering qualifizierten Arbeitnehmermilieus verfes- tigt sich die „Bildungsarmut“ (Allmendinger). Von den einstigen „bildungsfernen“ Volksmilieus ist immer noch die eine Hälfte „bildungsfern“ und schließt allenfalls die Hauptschule ab. 22% bis 23% der Jugendlichen beherrschen die Schlüssel- kompetenz des Lesens nicht richtig und bleiben damit auf ungelernte Berufe oder Erwerbslosigkeit festgelegt (PISA-Konsortium Deutschland 2004, 105). Schon ihrer Zahl nach reicht diese Gruppe der Bildungsarmen erheblich in die Arbeitnehmer- mitte hinein. Die fachqualifizierten Arbeitnehmer- milieus, die andere Hälfte der einstigen „Bildungs- fernen“, sind „ausgebremst“ (Klemm) bzw. weitgehend auf die mittlere Qualifikationsebene „umgelenkt“ (Müller) worden. Obwohl ausgespro- chen bildungsaktiv, haben sie nur zu einem Drittel das Gymnasium erreicht; die Mehrheit wird auf die Realschule gelenkt (Vester 2006a). Insgesamt treffen die Schieflagen sowohl der Ein- kommensverteilung wie der Bildungschancen die qualifizierte Mitte anders als die gering qualifi- zierten unteren Schichten. In der Mitte, die ihre Anliegen aktiver vertreten kann, rühren sich in- zwischen eine aktivere gewerkschaftliche Gegen- wehr und wachsende Bewegungen zur Ersetzung des dreigliedrigen Schulsystems durch Gesamt- schulen. Doch wie kann die soziale Unzufrieden- heit in Politik umgesetzt werden? (2) Soziale Gerechtigkeit und politisches Feld . Die Thesen vom Ende bzw. vom Bedeutungsverlust der sozialen Klassen werden häufig damit begrün- det, dass Angehörige der bürgerlichen Ober- schichten – vielleicht „zunehmend“ – auch links, Angehörige der Arbeitnehmerschichten auch bür- gerlich wählen, dass sich Klassenzugehörigkeit und Wahlverhalten also „entkoppeln“. Es ist in der Tat zutreffend, dass die vertikalen Klassentei- lungen sich nicht direkt in die politischen Lager- bildungen übersetzen. Doch dies war schon im- mer der Fall. Das Feld der politischen Kämpfe , in dem die oberen Schichten privilegierte Hand- lungschancen haben, stellt eine andere Hand- lungsebene dar als das Feld des Alltagslebens (Bourdieu 1979 / 1982, 620–726). In der Politik gelten eigene Regeln des Machtkampfes, der in- stitutionellen Organisation und des intellektuel- len Diskurses. Dafür werden Spezialisten ge- braucht, die in den oberen Klassen häufiger zu finden sind. Daher bilden sich meist politische Koalitionen heraus, in denen Teilgruppen der Volksmilieus mit Teilfraktionen der oberen Mi- lieus zusammengehen. (Eine Ausnahme bildet die Gewerkschaftsbewegung, die ihre Führungsgrup- pen aus der Arbeiterintelligenz rekrutiert.) Die politischen Lager sind in der Regel in größeren historischen Konflikten als Kampfallianzen entstan- den, die sich später in den Köpfen, Gewohnheiten und Institutionen verfestigt haben (Lepsius 1966/1993). Zu der historischen Teilung in liberale und konservative, protestantische und katholische, sozialistische und bürgerliche, konservative und rechtspopulistische Lager ist als wichtigste Neuent- wicklung aus den Konflikten um „1968“ das „post- materialistisch-radikaldemokratische“ Lager, das weit über die „grüne“ Partei hinausgeht, hinzuge- kommen. An der populären These, dass sich diese Lagergliederungen nun doch in einen individuali- sierten Wählermarkt aufgelöst hätten, trifft nur so- viel zu, dass die Parteianhänger heute nicht mehr so formell wie früher durch Institutionen, Vereine und Pressemedien wie auch die Kirchen und die Ge- werkschaften an die Lager gebunden sind. Mit den äußeren Einbindungen sind aber die verinnerlichten Ordnungsvorstellungen der Lager keineswegs ver- schwunden. Repräsentative Untersuchungen (Vester et al. 2001) bestätigen, dass die deutsche Bevölke- rung sich nach wie vor an den klassischen Modellen der sozialen Ordnung orientiert (Tab. 6). Die Lager- präferenzen haben Schwerpunkte in bestimmten Klassenmilieus, aber sie verteilen sich auch über ver- schiedene benachbarte Milieus. Die verschiedenen Ordnungskonzepte ergeben eine (auch von Mei- nungsumfragen bestätigte) Mehrheit von mehr als 80% für einen Wohlfahrtsstaat in seinen konser- vativen und sozialdemokratischen Varianten. Die Solidaritätsmodelle in den Arbeitnehmermilieus der Mitte überwiegen mit 49%. Sie können sich mit dem hierarchischen Fürsorgemodell von Teilen der Führungskräftemilieus (11%) verbinden. Die ent- täuscht-autoritären Modernisierungsverlierer in den kleinbürgerlichen und unterprivilegierten Milieus (27%) könnten durch eine Politik sozialer Mindest- garantien ins Boot geholt und dem Rechtspopulis- mus abspenstig gemacht werden. Die „postmateria- listischen“ Radikaldemokraten (11%) könnten interessiert werden durch eine partizipatorische Ge-
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=