Handbuch 5. Auflage
876 Klinische Sozialarbeit Von Harald Ansen Die Klinische Sozialarbeit (Clinical Social Work) ist ein in den USA verbreiteter Ansatz der fallbezo- genen Sozialen Arbeit, deren Ursprünge in der So- zialen Einzelhilfe liegen. Seit etwa Mitte der 1990er Jahre wird die Klinische Sozialarbeit in der deut- schen Fachdiskussion systematisch rezipiert. Mitt- lerweile wurden erste Master-Studiengänge in Kli- nischer Sozialarbeit eingerichtet. Der amerikanische Ansatz kann allerdings aufgrund unterschiedlicher Rahmenbedingungen nicht vollständig auf die So- ziale Arbeit in Deutschland übertragen werden. Angesichts eines veränderten Krankheitspanora- mas, in dem chronische Erkrankungen und sozial ungleich verteilte Krankheitsrisiken dominieren, gerät das ärztlich-pflegerisch geprägte Gesundheits- wesen zunehmend an seine Grenzen. Die Beiträge der Klinischen Sozialarbeit werden für eine pro- blemangemessene Behandlung immer bedeut- samer. In der Weiterentwicklung der Klinischen Sozialarbeit kommt es darauf an, die teilweise un- verbundenen Behandlungsbeiträge der Sozialen Arbeit im Gesundheitswesen zu systematisieren. Begriff und Konzept der Klinischen Sozialarbeit Die Entwicklung der Klinischen Sozialarbeit in den USA seit den 1960er Jahren ist eine Reaktion auf die politisch ausgerichtete Sozialreformorien- tierung der Sozialen Arbeit jener Zeit, die zu einer Gegenbewegung durch die in der Einzelhilfe ver- ankerten Case Worker geführt hat. 1971 wurde die „National Federation of Societies for Clinical Social Work“ gegründet, 1973 erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift „Clinical Social Work Journal“. Seit 1978 wird die Klinische Sozialarbeit von der „Na- tional Association of Social Workers“ (NASW) als eine spezielle Richtung der Sozialen Arbeit aner- kannt. Es wurden Ausbildungsrichtlinien verab- schiedet, die den Zugang zur Klinischen Sozialar- beit regeln. Heute zählen Klinische Sozialarbeiter zur größten Gruppe der Sozialarbeiter in den USA (Pauls 2004, 13). Das zentrale Ziel der Klinischen Sozialarbeit besteht darin, die durch Krankheit oder Behinderung ge- fährdete psychosoziale Funktionsfähigkeit von In dividuen, Familien und kleinen Gruppen durch interaktive sowie unmittelbar personenorientierte Arbeitsformen zu erhalten und zu fördern. Personen werden in der Perspektive der Klinischen Sozial- arbeit in ihrer jeweiligen Situation wahrgenommen (Person-in-Environment-Sichtweise). Dieser Zugang wird in der Sozialen Arbeit von Germain und Git- terman unter einer ökologischen Perspektive theo- retisch und praktisch im „Life Model“ bearbeitet. Im Mittelpunkt stehen die Wechselwirkungen von Per- son und Umwelt, welche positiv, negativ oder neu- tral sein können. Je nach Ausgangslage kommt es darauf an, Personen zu befähigen, Erwartungen und Anforderungen der Umwelt zu erfüllen, die sozialen und materiellen Bedingungen auf die Besonderhei- ten einer Person abzustimmen oder Person und Um- welt gleichermaßen so zu reorganisieren, dass ein ausgeglichenes Verhältnis entsteht (Germain/Git- terman 1999, 9f.). Die Arbeitsansätze der Klinischen Sozialarbeit um- fassen in der amerikanischen Tradition v. a. Psycho- therapie, Beratung, advokatorische Arbeitsformen, Case Management, Mediation und Evaluation so- wie Forschung (Dorfman 1996, 49). In der Kli- nischen Sozialarbeit stehen die sozialen und psy- chischen Aspekte von Gesundheit und Krankheit im Mittelpunkt der theoretischen und praktischen Ansätze (Geißler-Piltz et al. 2005, 13). Mit der psychosozialen Orientierung der Klinischen Sozial- arbeit werden Traditionen fortgesetzt, die von Flo- rence Hollis mit ihrem Entwurf der Sozialen Ein- Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art081, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=