Handbuch 5. Auflage
Klinische Sozialarbeit 877 zelhilfe als psychosoziale Behandlung und von Francis J. Turner mit seinem Ansatz einer Psycho- sozialen Therapie entwickelt wurden. Die Soziale Arbeit hat im Gesundheitswesen eine lange Geschichte – insofern ist das Anliegen der Klinischen Sozialarbeit nicht neu. In der histori- schen Betrachtung von Gesundheit und Krankheit müssen soziale Fragen der Ernährung, der Wohn- verhältnisse, der Kleidung, der Körperhygiene und der Arbeitsbedingungen berücksichtigt werden (Homfeldt / Sting 2006, 37). Die angesprochenen Zusammenhänge wurden im 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert unter dem Dach der Sozi- alhygiene zusammengefasst. Maßnahmen, die der Verbesserung der materiellen Lebensgrundlagen dienten, brachten große Erfolge in der Bekämpfung von Cholera-Epidemien und Tuberkulose (Hering / Münchmeier 2007, 56 f.). Die Gesundheitsfürsorge ging allerdings weit über interaktive Hilfen hinaus. Sie umfasste auch die Sanierung sanitärer Einrich- tungen, den Wohnungsbau und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen (Sachße 2003, 23). Die Klinische Sozialarbeit mit ihren unmittelbaren Be- handlungsbeiträgen bei Krankheit und Behin- derung repräsentiert insofern nur einen Ausschnitt der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit. Klinische Sozialarbeit und Krankheit Im Sinne der Gesetzlichen Krankenversicherung erfordert eine Krankheit, die durch einen regelwid- rigen Körper- oder Geisteszustand bedingt ist, eine Heilbehandlung (Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2008, 135). Die Krankenversorgung umfasst Diagnose, Behandlung, Nachsorge und Rehabilitation sowie Pflege. Die Beiträge der Kli- nischen Sozialarbeit beziehen sich auf diese Be- handlungsbausteine. Im Rahmen der Klinischen Sozialarbeit werden Patienten darin unterstützt, die persönlichen, sozialen, wirtschaftlichen und beruflichen Konsequenzen einer Erkrankung zu bewältigen. Die folgenden Dimensionen einer Krankheit sind für die Entwicklung diagnostischer und interventionsbezogener Konzepte der Kli- nischen Sozialarbeit besonders bedeutsam: Bei einer akuten und damit heilbaren Erkrankung steht die ärztliche Behandlung im Vordergrund. Mögliche Aufgaben der Klinischen Sozialarbeit be- stehen in der Erschließung sozialer Sicherungsleis- tungen und der Organisation von Leistungen zur Rehabilitation oder zur Sicherung der häuslichen Versorgung bei vorübergehendem Unterstützungs- bedarf. Diese Aufgaben entsprechen der traditio- nellen Sozialarbeit im Gesundheitswesen. Darüber hinaus kann es auch darum gehen, Patienten zur aktiven Mitarbeit in der Behandlung und der Re- habilitation zu motivieren, um optimale Ergeb- nisse zu erzielen. Die Anforderungen an die Klinische Sozialarbeit bei einer chronischen Erkrankung sind umfangreicher. Etwa drei Viertel aller Erkrankungen – darunter v.a. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Beschwerden des Muskel- und Skelettsystems, Stoffwechselerkran- kungen, bösartige Neubildungen und psychische Störungen – verlaufen heute chronisch (Rosen- brock/Gerlinger 2006, 41). Betroffene müssen v.a. lernen, mit dem teilweise unberechenbaren Verlauf der Krankheit umzugehen, ihren Alltag im erforder- lichen Umfang auf die Krankheit abzustimmen, sich auf ein verzweigtes Versorgungssystem einzulassen und auch wirtschaftliche Probleme zu kompensieren (Ansen et al. 2004, 14f.). Unter den Theorien und Konzepten der Sozialen Arbeit sind die Überlegun- gen zur Lebensbewältigung von Böhnisch für Hilfen bei der Bewältigung der akuten und der chronischen Dimensionen von Erkrankungen besonders ertrag- reich. Die Erfahrung des Selbstwertverlusts, der so- zialen Orientierungslosigkeit und des fehlenden so- zialen Rückhalts sowie eine lückenhafte soziale Integration erschweren die Lebensbewältigung (Böhnisch 2005, 1119f.). Bei komplexen und lang- fristig verlaufenden Erkrankungen sind sämtliche Bereiche der Lebensbewältigung für das klinische Handeln der Sozialen Arbeit relevant. Unabhängig davon, ob eine akute oder eine chro- nische Erkrankung vorliegt, reagieren Patienten subjektiv unterschiedlich. Die Bandbreite reicht von extremen Ängsten bei einer gut behandelbaren Erkrankung bis zur Ausblendung einer bedrohli- chen Krankheit. Die persönliche Reaktion auf eine Diagnose prägt die Bereitschaft zur Mitwirkung in der Behandlung und zur möglicherweise erforder- lichen Umstellung von Lebensgewohnheiten (An- sen 2008, 54). Um die subjektive Dimension einer Erkrankung tiefreichend zu verstehen, ist die Lebensweltorientierte Soziale Arbeit nach Thiersch besonders instruktiv (Grunwald /Thiersch 2005, 1136 f.). Im Sinne der Lebensweltorientierung
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