Handbuch 5. Auflage

Klinische Sozialarbeit 881 in dem der Einzelfall gewürdigt wird; die Ermuti- gung, Gefühle auszudrücken ohne Angst vor Ver- urteilung, um Spannungen zu reduzieren; eine kon- trollierte gefühlsmäßige Anteilnahme durch den Sozialarbeiter; eine nichtrichtende Haltung, in der moralisierende Reaktionen konsequent vermieden werden; und die Achtung der Selbstbestimmung des Klienten (Biestek 1970, 31f.). Weitergehend besteht das Ziel der Klinischen Sozi- alarbeit darin, Kompetenzen zu vermitteln. Für die methodische Gestaltung dieses Prozesses sind päd- agogische Überlegungen relevant. Unabhängig vom Lebensalter und auch davon, in welcher Lage sich ein Mensch befindet, bleibt die Fähigkeit zur Bildsamkeit und zur Selbsttätigkeit erhalten (Ben- ner 2001, 71 f.). Dieses Postulat gilt auch für krankheitsbelastete Menschen. Vor diesem Hinter- grund gewinnen Ansätze der Patientenedukation besondere Bedeutung. Hierbei kommt es darauf an, Informationen und Wissen so zu vermitteln, dass daraus neue Handlungsmöglichkeiten entste- hen. Themen sind der individuelle Umgang mit Krankheit, Konsequenzen für den privaten und beruflichen Alltag oder die Veränderung von ge- sundheitsbelastenden Lebensstilen. Lernen im Sinne der Veränderung von Wissen, Verhalten, Handeln und Erleben setzt bedeutsame Erfahrun- gen und Interaktionen voraus (Gerspach 2000, 190). Wenn in der Klinischen Sozialarbeit signifi- kante Begegnungen gestaltet und für den Patienten persönlich bedeutsame Themen aufgegriffen wer- den, baut dies erweiterte Fähigkeiten auf. Eine weitere Form der Unterstützung liegt in der bewussten Gestaltung des Milieus, in dem ein Mensch lebt. Durch die stimulierende Gestaltung der Wohnumgebung werden Menschen in ihrer Entwicklung gefördert und herausgefordert. Sie finden in pädagogisch gestalteten Wohnformen auch Lernanregungen und Möglichkeiten des Rückzugs sowie einen Raum, um mit neuen Ver- haltensweisen zu experimentieren. In der Sozialen Arbeit wird dieser pädagogische Zugang als Orts- handeln bezeichnet (Winkler 1988, 263 f.). Das therapeutische Milieu in der Sozialpsychiatrie oder die Wohngemeinschaft für demenziell erkrankte Menschen sind zwei Beispiele für milieubezogenes klinisches Handeln in der Sozialen Arbeit. Eine weitere Vorgehensweise zur Förderung lebens- praktischer Fähigkeiten besteht in der unmittel- baren Übung und Anleitung. Mit der Klientel können z. B. Freizeitaktivitäten organisiert werden, die sie anschließend in eigener Regie durchführen, es können belastende Situationen im Alltag ge- meinsam bewältigt werden, wobei der Sozialarbei- ter als Modell fungiert, das bei einer angemessenen lerntheoretischen Ausrichtung (Bodenmann et al. 2004, 228 f.) vom Klienten bei anderer Gelegen- heit eigenständig nachgeahmt wird. Darüber hi- naus sind konkrete Verhaltensinstruktionen, etwa für den Umgang mit Kollegen oder Nachbarn, so- wie detaillierte Handlungsanleitungen vorstellbar, die im Alltag umgesetzt und anschließend gemein- sam evaluiert werden. Ausblick Die Klinische Sozialarbeit hat eine methodeninte- grative Bedeutung für die Soziale Arbeit im Ge- sundheitswesen. Zukünftig wird es verstärkt darauf ankommen, die sozialarbeiterische Ausrichtung der Klinischen Sozialarbeit zu intensivieren. Eine Analyse des Stellenwerts der Sozialen Arbeit im Gesundheitswesen auf der Grundlage der Sozialge- setzgebung und der sozialmedizinischen Forschun- gen führt hier ebenso weiter wie eine Auswertung der Methoden der Sozialen Arbeit unter Behand- lungsgesichtspunkten. In entsprechenden empiri- schen Arbeiten müsste sowohl die quantitative Re- präsentanzderSozialenArbeitimGesundheitswesen wie auch die explizite konzeptionelle Berücksichti- gung sozialarbeiterischer Themen in Behandlungs- arrangements ermittelt werden. Auf dieser Grund- lage ließen sich Anforderungen für die Ausbildung in Klinischer Sozialarbeit in grundlegenden Studi- engängen und in postgradualen Weiterbildungen formulieren. Wegen der breiten Bedeutung ge- sundheitsbezogener Themen in der Sozialen Ar- beit, auch in Arbeitsfeldern außerhalb des Gesund- heitswesens, sollte die Klinische Sozialarbeit ein fester Bestandteil des Studiums der Sozialen Arbeit sein. Das schließt Spezialisierungen für Arbeitsfel- der mit besonderen Anforderungen wie die Sucht- krankenhilfe oder die Psychiatrie keinesfalls aus.

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