Handbuch 5. Auflage

880 Ansen  Unterstützung z. B. entmündigend erfolgt, Erwar- tungen enttäuscht werden oder Beziehungen durch übertriebene Einengung oder Vernachlässigung negative Wirkungen entfalten (Dehmel 2008, 28). In der Klinischen Sozialarbeit wird die Förderung der sozialen Unterstützung in primären Netzen im Wesentlichen in drei Bereichen realisiert. Zum ei- nen werden Selbsthilfegruppen im Gesundheits- wesen unterstützt, die zentrale psychosoziale Hilfen für die Alltagsbewältigung bereitstellen. Elemente der Sozialen Gruppenarbeit werden eingesetzt, um Selbsthilfegruppen zu initiieren und zu stabilisie- ren. Ein weiteres Feld ist die Angehörigenarbeit . Durch Informationen über die Krankheit und Hil- femöglichkeiten wird die Bereitschaft der Angehö- rigen gestärkt, erkrankte Familienmitglieder zu begleiten. Die Aktivitäten der Klinischen Sozial- arbeit umfassen hierbei die Moderation von Ge- sprächen, die Organisation ergänzender Hilfen und konkrete Unterstützung in Krisenzeiten (An- sen 2008, 64 f.). Ein dritter Bereich tangiert die Analyse und den gezielten Ausbau von persönlichen sozialen Netzen auf der Grundlage einer Netzwerk- diagnostik und die Befähigung der Klientel, Kon- takte mit anderen Menschen aufzunehmen und reziprok zu gestalten (Strauss 2004, 408 f.). Geht es darum, sekundäre Netze aufzubauen und zu stabilisieren, wird in der Klinischen Sozialarbeit auf methodische Elemente des Case Managements zurückgegriffen. Case Management ist bei kom- plexen Problemen indiziert, die einen koordinier- ten Einsatz unterschiedlicher Hilfeformen erfor- dern. Das Case Management in der Klinischen Sozialarbeit strebt eine reibungslose Zusammen- arbeit medizinischer, sozialer und pflegerischer Dienste an (Wendt 2001, 134). Kennzeichnend für das Case Management ist v. a. ein umfassend aufgebauter Hilfeplan, in dem einzelne erforderli- che Maßnahmen erfasst, Aufgaben verteilt, ein- zelne Schritte terminlich und mit Zuständigkeiten aufeinander abgestimmt werden. Die sukzessive Umsetzung wird durch den Case Manager gesteu- ert und kontrolliert (Neuffer 2009). Angesichts der aus klinisch-sozialarbeiterischer Sicht vielschichti- gen Implikationen v. a. schwerer Erkrankungen zählen die methodischen Instrumente des Case Managements zum Standardrepertoire der Kli- nischen Sozialarbeit. Interventionen zur persönlichen Unterstützung Neben erschließenden und organisierenden Tätig- keiten nehmen unmittelbare Formen der Unterstüt- zung in der Klinischen Sozialarbeit einen breiten Raum ein, wobei hier zwischen der unmittelbaren Krankheitsbewältigung und dem längerfristigen Aufbau von Kompetenzen unterschieden wird. In der Unterstützung zur Krankheitsbewältigung durch die Soziale Arbeit sind Hilfen zur persönli- chen Akzeptanz einer Erkrankung, zur Aufrecht- erhaltung des Selbstwertgefühls und der sozialen Beziehungen sowie zur Anpassung von Lebens- gewohnheiten, womit der Krankheitsverlauf beein- flusst werden kann, ausschlaggebend (Miesek- Schneider 2002, 44). Einen geeigneten theoretischen Hintergrund für diese Form der Hilfe findet die Kli- nische Sozialarbeit in der Salutogenese. Für die Be- wältigung von Krankheiten ist danach ein Kohä- renzgefühl förderlich, das dann entsteht, wenn Patienten ihre Krankheit besser verstehen, sie Hand- lungsmöglichkeiten zur Beeinflussung ihrer Erkran- kung erkennen und es für sie bedeutsam ist, sich für das eigene Leben zu engagieren und sich nicht auf- zugeben und zu verzweifeln (Antonovski 1997, 34f.). Aus diesen Zusammenhängen ergibt sich, dass die Klientel der Klinischen Sozialarbeit auf In- formationen über ihre Erkrankung angewiesen ist. Daneben ist es erforderlich, sich mit ihrer Lebens- welt – also der Beurteilung ihrer Beziehungen, ihres zeitlichen Erlebens und ihrer Umgebung – aus- einanderzusetzen. Kommt es zu einer Krise, in der die Betroffenen mit ihren verfügbaren Bewältigungsmöglichkeiten über- fordert sind und spezifische Risiken auftreten, sind intensivere Formen der Unterstützung gefragt. Auf der Grundlage einer helfenden Beziehung werden Ängste, auch Suizidgedanken, angesprochen, die unterschiedlichen Selbsthilfemöglichkeiten und die Unterstützung im persönlichen Umfeld eruiert und bei Bedarf auch institutionelle Hilfen organisiert (Kunz et al. 2007). In der Quintessenz geht es in der helfenden Beziehung darum, durch eine vertrauliche und akzeptierende Grundhaltung gegenüber der Klientel die Bereitschaft zur Selbsthilfe und zur per- sönlichen Weiterentwicklung zu fördern (Galuske 2007, 77f.). Exemplarisch dafür ist der Ansatz von Biestek. Zu den Grundsätzen einer helfenden Bezie- hung zählt er einen individualisierenden Umgang,

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=