Handbuch 5. Auflage

894 Marquard  einschließlich der Nutzung und des Ausbaus ver- schiedener Formen der Selbstorganisation und In- teressensvertretung: Auftrag ist also die Gestaltung gedeihlicher Bedingungen für ein „Aufwachsen in öffentlicher Verantwortung“ (BMFSFJ 2002). Es geht um die selbstverständliche Erreichbarkeit pro- fessioneller Dienste im Alltag, damit Prävention durch allgemeine Förderung und Hilfe bei der Be- wältigung schwieriger Lebenslagen möglich wird – ohne vorherige Diskriminierungsprozedu- ren und Defizitzuschreibungen als (rechtliche) Vo- raussetzung für eine Leistungsgewährung. Damit geht es auch um die Gestaltung von Rahmenbedin- gungen (die Bedingung für die Möglichkeit) zur Befähigung der Nutzung eigener Kompetenzen. Und im konkreten gesellschaftlichen Gefüge eines Gemeinwesens geht es damit schließlich ebenso um die Mobilisierung und eigen-sinnige Nutzung von bürgerschaftlichem Engagement. Die mit dem Begriff der reflexiven Modernisierung zusammengefassten gesellschaftlichen Umbruch- prozesse erfordern tatsächlich enorme Umstel- lungen auch in der Organisation unseres (kom- munalen) Gemeinwesens. Soziale Arbeit kann auf eine lange Tradition entsprechender Konzepte zu- rückgreifen; selbstkritisch und politisch bleibt nach den Ursachen für die bisher mangelhafte Umsetzung zu fragen. Gleichzeitig kann jedoch selbstbewusst und pragmatisch festgestellt wer- den, dass Soziale Dienste fachlich und organisato- risch über moderne Konzepte verfügen, die für eine solidarische sozialstaatliche Reform an- schlussfähig sind. Die Kritik an politischen Me- chanismen, Forderungen nach Verwaltungs- modernisierung und Beteiligung der Bürgerschaft lassen sich als Ausdruck einer gesteigerten sozialen Reflexivität verstehen. In diesem Kontext bleibt Demokratie nicht (nur) ein Mittel der Interessen- vertretung, sondern wird (auch) zu einem Ver- fahren zur Schaffung eines öffentlichen Forums, in dem durch dialogische Aushandlung in per- sönlicher und sozialer Verantwortung statt durch Rückgriff auf Macht die Konflikte (zumindest) geregelt werden (Giddens 1997). In einer kriti- schen Analyse dieser Entwicklungsoption bleibt allerdings auch die staatliche Instrumentalisierung des Konzepts vom „Fördern und Fordern“ als Ausdruck einer neuen Art von Sozialstaatlichkeit im Sinne einer Neubestimmung von Subsidiarität und Solidarität im Spannungsverhältnis der staat- lichen Absicherung von Lebensrisiken, sozialer Fürsorge und öffentlicher Kontrolle privater Le- bensführung kritisch zu prüfen. Eine hier geforderte und begründete – umfassende, verschiedene Politik- und Gesellschaftsbereiche be- treffende – Infrastruktur in Form von Diensten, Einrichtungen und öffentlichen „Gelegenheiten“ muss und kann nur vor Ort in den Kommunen gestaltet werden; ihre Konzipierung und Finanzie- rung bleibt allerdings eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe! Literatur Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe (AGJ) (Hrsg.) (1998): Einheit der Jugendhilfe. 50Jahre Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe. Eigenverlag, Bonn Bissinger, S., Böllert, K., Liebig, R., Lüders, C., Marquard, P., Rauschenbach, T. (2002): Grundlagen der Kinder- und Jugendhilfe. Strukturanalysen zu fachlichen Eckwerten, Organisation, Finanzen und Personal. In: BM für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.), Band 1, 9–104 Böhnisch, L., Schefold, W. (1985): Lebensbewältigung. So- ziale und pädagogische Verständigungen an den Grenzen der Wohlfahrtsgesellschaft. Juventa, Weinheim Bronke, K. (2004): Die Organisation der kommunalen So- zialen Dienste. Verlag Universität Bremen/Akademie für Arbeit und Politik, Bremen BM für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (Hrsg.) (2002): Elfter Kinder- und Jugendbericht. Eigen- verlag, Berlin – (Hrsg.) (1994): Neunter Jugendbericht. Eigenverlag, Bonn – (Hrsg.) (1990): Achter Jugendbericht. Eigenverlag, Bonn Deutscher Verein (DV) (Hrsg.) (2007): Sozialraumorientie- rung – ein ganzheitlicher Ansatz. Eigenverlag, Berlin Dewe, B., Otto, H.-U. (2005): Profession. In: Otto, H.-U., Thiersch, H. (Hrsg.) (2005): Handbuch Sozialarbeit/So- zialpädagogik. Ernst Reinhardt, München/Basel, 1399– 1423 Giddens, A. (1997): Jenseits von Links und Rechts. Frank- furt/M. INSO (Institut für Sozialplanung und Organisationsentwick- lung e.V.) (Hrsg.) (2007): Untersuchung zur Erreichung der quantitativen und qualitativen Leistungsziele der Am- bulanten Sozialen Dienste in den Sozialzentren der Stadt- gemeinde Bremen. Eigenverlag, Essen Kessl, F., Reutlinger, Ch., Maurer, S., Frey, O. (Hrsg.) (2005a): Handbuch Sozialraum. VS, Wiesbaden

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=