Handbuch 5. Auflage

896  Körper – Leib – Soziale Arbeit Von Bettina Hünersdorf Einleitung Als Stichworte tauchen in den einschlägigen Hand- büchern der Sozialen Arbeit die Begriffe Körper und Leib noch wenig auf. In der lebensweltorien- tierten Sozialpädagogik, bei der aufgrund ihrer phänomenologischen Tradition ein Bezug auf den Leib wahrscheinlich wäre, findet keine explizite Auseinandersetzung mit diesem Thema statt (Hü- nersdorf 1999). In der Systemtheorie spielt der Körper aufgrund der Fokussierung auf den Kom- munikationsbegriff ebenfalls eine untergeordnete Rolle (Weinbach 2004, 69). Einzig und allein in der an Bourdieu, Foucault und Butler anschließen- den poststrukturalistischen Theoriebildung der Sozialen Arbeit bzw. Pädagogik gewinnt der Körper Relevanz (Tervooren 2006). Diese „Verdrängung“ des Körpers aus den theo- retischen Diskursen der Sozialen Arbeit steht im Missverhältnis zu der Tatsache, dass der Körper heute als gefährdet wahrgenommen und aus die- sem Grunde durch „Techniken der individuellen Selbstvergewisserung und Problemlösung“ (Ritt- ner 1999, 107; Preuss-Lausitz 2003, 18; Baur /Miethling 1991, 174) in den Blick gerät. Das Gefühl der Verantwortlichkeit für den eige- nen Körper wird in allen Altersgruppen als das wichtigste Moment des Körperkonzepts dar- gestellt (Kluge et al. 1999, 61). Die Wahrneh- mung der Gefährdung hat einen Aufforderung- scharakter, etwas aktiv zu tun, indem etwas Positives – eben die Fitness, der Spaß und die Ge- sundheit – der Verletzlichkeit des Körpers ent- gegengesetzt wird (Rittner 1999, 109). Dabei geht es aber nicht nur um den energetischen, son- dern zugleich auch um den symbolischen Körper. Denn das körperorientierte Verhalten trägt zur Individualisierung bei, indem der Fitness-, Ge- sundheits- und Schönheitsboom als „Artikulati- ons-, Gesittungs- und Gesellungsform“ (Froh- mann 2003, 147) des „performing self“ verstanden wird. In den folgenden Ausführungen sollen zunächst die grundlegenden Begriffe wie Körper und Leib dargestellt werden. Danach wird die Vergesellschaf- tung des Körpers sowohl im Hinblick auf die so- ziale (Wissen und Macht) als auch auf die zeitliche Dimension (Körperkarriere) näher in den Blick genommen. Abschließend wird auf die Bedeutung des Körpers bei der empirischen Fundierung der Sozialen Arbeit näher eingegangen. Begriffliches: Körper und Leib Die Differenzierung zwischen Körper und Leib findet nur in der deutschen Sprache ihren Aus- druck. Frankenberg weist darauf hin, dass im eng- lischen Sprachgebrauch Begriffe wie „lived body“ und insbesondere „flesh“ und „incarnate body“ ge- braucht werden, um die leibliche Dimension aus- zudrücken (Frankenberg 1990, 355). Mit dem Körper steht häufig die Körperbeherr- schung im Vordergrund, wie sie u.a. von Elias (1995) in seinemWerk „Über den Prozeß der Zivili- sation“ beschrieben wurde. Soziale und soziomate- rielle Strukturen legen eine bestimmte Form der Körperbeherrschung nahe (Rumpf 2007, 5 f.), die einen jeweils spezifischen Zugang zur Welt eröffnet und andere verschließt. Häufig ist bei der Themati- sierung des Körpers eine Differenzierung zwischen einer Körperkultur und einer Kultur des Körpers (9) zu beobachten. Während die Körperkultur dieWirk- lichkeit des Körpers in seinen positiven wie negati- ven, in seinen kulturellen sowie kultischen Ausfor- mungen beschreibt, wird die Kultur des Körpers, welche in diesem Zusammenhang häufig mit Leib bezeichnet wird, dem entgegengesetzt. Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art083, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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