Handbuch 5. Auflage
Körper – Leib – Soziale Arbeit 897 In der phänomenologischen Tradition wird der Leib im Sinne des „lived body“ verstanden, der zwischen Bewusstsein und Welt vermittelt. Im Vorwort zur „Phänomenologie der Wahrnehmung“ bringt Boehm dieses zum Ausdruck: „Der Leib ist schlecht- hin unser Gesichtspunkt zur Welt […] ohne den wir, nicht mehr weltzugehörig, überhaupt nichts zu sehen vermöchten, und damit zugleich der phäno- menale Bereich dafür, daß wir Gesichtspunkte ein- nehmen müssen, um was auch immer zu sein“ (Boehm 1996, V). Der Leib ist demnach die Selbst- vorfindlichkeit des Ichs, hinter die es nicht zurück kann (Waldenfels 1980, 39). In „Das Sichtbare und das Unsichtbare“ betont Merleau-Ponty, dass der Leib einerseits Vorausset- zung für die Wahrnehmung ist, dass er aber ande- rerseits im Augenblick der Wahrnehmung ver- schwindet. „Mich berühren, sich sehen bedeutet, von sich selbst einen solchen spiegelhaften Extrakt zu erhalten“ (Merleau-Ponty 1986, 322). Auf die- sem Hintergrund kann gesagt werden, dass wir bewusst sind, weil wir beweglich sind und umge- kehrt: „Wir sind beweglich, weil wir bewusst sind“ (Merleau-Ponty 1973, 79). Es handelt sich somit um eine polymorphe Struktur von „leib-situativer Kontext“. Milz und Ots betonen die Notwendigkeit, sowohl die Möglichkeit des Körper-Habens und die damit einhergehenden institutionellen Erwartungen, als auch die des Leib-Seins in den Blick zu nehmen. Sie plädieren im Sinne Plessners (1981, 381ff.) dafür, von der Doppelexistenz auszugehen (Milz /Ots 1999, 159; Kubitza 2005; Gugutzer 2004). Körperdisziplinierung: die Bedeutung von Wissen und Macht im Kontext von Gesundheit Foucault beschreibt in seinen genealogischen Un- tersuchungen, wie seit dem 18. Jahrhundert – ins- besondere im 19. Jahrhundert – der Körper in der Gesellschaft in einer quasimedizinischen Weise ge- schützt werden muss. Die Produktion von effekti- ven Instrumenten, um Wissen zu akkumulieren und zu formieren (Methoden der Beobachtung, Dokumentation, Untersuchungen, Kontrollappa- rate), trägt dazu bei, dass der Körper in einen Wis- sensapparat mündet (Foucault 1980, 102), der Grundlage für seine disziplinierende Kontrolle wird. Das Individuum „with his identity and cha- racteristics, is the product of a relation of power exercised over bodies, multiplicities, movements, desires, forces“ (74). Während mit der Disziplin das Objekt Körper bzw. der Körper-Mensch kor- respondiert, „entspricht den Regulierungen der Bio-Macht das Objekt der Bevölkerung […]. Sind die Machteffekte in einem Fall individualisierend, so sind sie im anderen Fall massenkonstituierend“ (Biebricher 2005, 302 f.). Die zwei Seiten einer politischen Rationalität richten sich „auf Kontrolle des einzelnen lebenden Körpers und das Leben der gesamten Bevölkerung“ (303). Diese Form der Körperdisziplinierung zeigt sich insbesondere im Kontext von Gesundheit, in dem es um die gesellschaftliche Erwartung der Selbst- disziplinierung in Bezug auf „Risikoverhaltenswei- sen“ wie Ernährung, Bewegung etc. geht. Darüber hinaus spielt Körperdisziplinierung im Zusammen- hang mit der Kindeswohlgefährdung durch (se- xuellen) Missbrauch eine größere Bedeutung. Hier bezieht sich die Körperdisziplinierung auf das Ver- hältnis zum Anderen. Die Gesundheit ist eines der Themen mit massen- konstituierendem Charakter. Kickbusch führt aus, dass die Allgegenwärtigkeit der Gesundheit in der modernen Gesellschaft nicht mehr nur Ergebnis anderer gesellschaftlicher Prozesse ist, sondern eine Eigendynamik entwickelt hat (Kickbusch 2006). Der Fokus liegt auf einem allumfassenden, jeden einbeziehenden Sicherheitsparadigma (Frehsee 2001, 58). Aus dieser Perspektive erscheint Krank- heit als Zeichen für das Versäumnis, sich selbst verantwortlich um seine Gesundheit zu sorgen (Dollinger 2006, 185). Die individualisierenden Zuschreibungsprozesse von Verantwortung gehen mit der Disziplinierungsarbeit einher (Schmidt-Semisch 2007). Der zentrale Bezugspunkt für die Allgegenwärtig- keit von Gesundheit bildet die Prävention von Ri- sikoverhaltensweisen. Die Forderung, sich gesund zu verhalten und selbst für die Gesundheit verant- wortlich zu sein, wie sie sich aktuell in der Ernäh- rungskampagne „In Form – Deutschlands Initia- tive für gesunde Ernährung und mehr Bewegung“ zeigt, wirkt angesichts der sozialepidemiologischen Ergebnisse als eine Sisyphusarbeit. Das Subjekt taucht in solchen Programmen in der „Doppelbe- wegung von Unterwerfung und Subjektwerdung auf: als produziertes und zugleich aktives, Macht
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