Handbuch 5. Auflage

911 Kulturelle Bildung Von Max Fuchs Rahmenbedingungen und Diskurse im Überblick Spätestens seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts rückt Kultur und damit die Kultur- politik ins Zentrum des politischen Interesses. Man sprach von „neuen Freunden“ der Kultur – und meinte damit neben der bislang eher kulturabs- tinenten Politik vor allem die Wirtschaft. Interes- santerweise ergab sich diese neue Konjunktur des Kulturellen erst über ein Jahrzehnt nach den leben- digen Debatten im Deutschen Städtetag, im Eu- ropa-Rat und in der UNESCO (Fuchs 1998a). Diese seither andauernde Konjunktur des Kulturel- len ist eine entscheidende Rahmenbedingung für die gleichzeitig zu beobachtende Konjunktur kultureller Bildung in den verschiedenen Politikfeldern (Kul- tur-, Jugend-, Sozial-, Bildungspolitik). In der Kulturpolitik entdecken auch solche Ein- richtungen der Hochkultur die Notwendigkeit kultureller Bildung, die sie über Jahrzehnte ver- nachlässigt haben. ZumTeil sieht man hier in „kul- tureller Bildung“ eine Möglichkeit, das Problem des ausbleibenden jungen Publikums zu lösen (Fuchs et al. 2005). In der Jugendpolitik profitiert kulturelle Bildung von der Wiederentdeckung des Bildungsbegriffs als zentralem jugendpolitischen Begriff im Rahmen der PISA-Debatte. Und in der Schulpolitik geraten zwar alle Nicht-PISA-Fächer in die Defensive, doch führt ein Unbehagen an ei- ner eher technokratisch geführten Schulreformde- batte immer häufiger dazu, in Kunst und Kultur geeignete Medien der Schulentwicklung zu sehen. So gibt es zurzeit durchaus widersprüchliche Ent- wicklungen. Damit ergibt sich zugleich eine neue Etappe in dem traditionsreichen Diskurs über das Verhältnis von Kultur- und Sozialarbeit, über die verschiedenen Professionalitäten und Einrichtungs- profile. Dabei spielt nicht mehr das frühere Span- nungsverhältnis etwa zwischen sozialer Kulturar- beit und kultureller Sozialarbeit die entscheidende Rolle. Es geht vielmehr – in Hinblick auf Kinder und Jugendliche – darum, zwischen Jugend-, Kul- tur- und Schulpolitik (und damit zwischen Jugend- und Kultureinrichtungen und der Schule sowie auf der Ebene der Fachkräfte zwischen den jeweiligen pädagogischen und künstlerischen Professionen) ein neues Kooperationsverhältnis zu entwickeln. Eine weitere Rahmenbedingung des Diskurses über kulturelle Bildung ist das nunmehr auch von kon- servativen Parteien akzeptierte Faktum, dass Deutschland ein Einwanderungsland, dass die deutsche Gesellschaft auf Dauer eine multieth- nische Gesellschaft geworden ist. Diese Entwick- lung hat zwar auch entschieden eine politische, ökonomische und soziale Dimension. Doch liegt es auf der Hand, dass die kulturelle Dimension der Frage nach vernünftigen Formen des Zusammen- lebens eine wichtige Rolle spielt, so dass „Interkul- turalität“ zu einem zentralen Thema in der kultu- rellen Bildungsarbeit geworden ist (Institut für Kulturpolitik 2007). In Hinblick auf die demographische Entwicklung ergibt sich die Herausforderung, dass immer mehr Menschen für eine wachsende Zeitspanne eine sinnvolle Beschäftigung suchen, so dass es auch im Bereich der Altenarbeit zu einer gewissen Konjunk- tur kultureller Bildungsangebote kommt (de Groote /Nebauer 2008). Die bislang skizzierten Trends in Politik und Praxis produzieren einen gewissen Handlungsdruck, so dass sich die Frage nach einer geeigneten Unterschei- dung auf der Ebene der zuständigen Wissenschaften stellt. Denn in Praxis und Politik hat sich „kulturelle Bildung“ als eine pragmatische Sammelbezeichnung für unterschiedliche Aktivitäten in verschiedenen Arbeits- und Politikfeldern herauskristallisiert (Za- charias 2001; Deutscher Bundestag 2008, Kap. 6). Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art085, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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