Handbuch 5. Auflage

921 Kulturtheorien Von Regina Klein Theorie und Praxis der Sozialarbeit / -pädagogik stand von jeher in einem engen Verweisungs- zusammenhang mit Kultur (Mollenhauer 2001). Dieser Verweisungszusammenhang ist real- und wissenschaftshistorischen Bedingungen unterwor- fen, erscheint mal explizit, mal implizit, mal als Spannungs- mal als Kooperationsverhältnis oder geht sogar zur Gänze ineinander auf. Nach einer Skizzierung der komplexen Bedeutungsvarianten traditionaler Kulturbegriffe folgen wir den wich- tigsten Cultural Turns , die gegenwärtig in einem praxistheoretischen Knotenpunkt zusammenlaufen und eine „Totalperspektive ‚Kultur‘ “ eröffnen: „Jeder Gegenstand der Geistes- und Sozialwissen- schaften kann und soll nun als kulturelles Phäno- men rekonstruiert werden […]“ (Reckwitz 2004, 1), so auch das Feld der Sozialen Arbeit, wie je- weils an exemplarischen Bezugspunkten gezeigt wird. Davon ausgehend werden anhand der sich aus den Turns heraus konstituierenden Theorie- programmen, den Studies , potenzielle Ansätze für Theorie- und Praxisentwicklung Sozialer Arbeit diskutiert. Kultur – Bedeutungsvarianten und -dimensionen Der Begriff „Kultur“ ist äußerst vieldeutig und kein eindeutig zu identifizierender Gegenstand, den gar eine spezifisch eingegrenzte kulturwissenschaftliche Fachdisziplin als konstitutiven Gegenstand für sich reklamieren kann (Reckwitz 2004, 1). Diese Viel- deutigkeit, die er mit ihm verwandten sozialwis- senschaftlichen Begriffen wie Gesellschaft oder auch Bildung teilt, birgt für eine sozialpädago- gisch / -arbeiterisch unterlegte Betrachtung Vor- und Nachteile. Die Vorteile liegen in der nahezu unbegrenzten Möglichkeit, kulturelle Begrifflich- keiten auf Theorie- und Praxisfelder der Sozialen Arbeit anzuwenden. Die Nachteile liegen in dem darin eingelagerten Scheitern, auch nur annähernd eine systematische Ordnung und Orientierung zu erarbeiten. In diesem Spannungsfeld zwischen alles oder nichts bewegt sich auch die nachfolgende Be- deutungssuche. Von jeher gehört zur Kulturbestimmung die Aus- einandersetzung mit dem, was nicht dazugehört, ihr entgegensteht oder Widerstand leistet. So wird übergreifend seit der Antike der Gegensatz Na- tur / Kultur diskutiert – einer Natur, die von Men- schenhand kultiviert wird. Durch von außen ein- greifende Pflege soll die Saat der Äcker aufgehen und Früchte tragen. Ausgehend davon wird der Begriff Kultur (cultura agri) im metaphorischen Sinne auf die Pflege des Geistes und der Seele übertragen (cultura animi) und steht für die Ge- samtheit all derjenigen Leistungen des Menschen, die seine bloße Natur fortentwickeln. Etymolo- gisch stammt der Begriff Kultur von lat. colere ab, dessen Grundbedeutung sowohl „sich bewegen“ als auch „sich befinden an“ ist. Schon darin ist der Doppelcharakter des Kulturbegriffs angelegt, nicht nur den Prozess, sondern zugleich dessen Ergebnis zu bezeichnen. Begriffsgeschichtlich werden vier Bedeutungsfelder unterschieden: be- bauen, bewohnen, pflegen und ehren. All diese finden wir in geläufigen deutschsprachigen Wort- verbindungen wieder: von der Bakterienkultur über die Kulturtasche zur Kulturrevolution und dem Starkult. Auch wissenschaftstheoretisch las- sen sich laut Reckwitz (2006) vier übergreifende Bedeutungsvarianten des Kulturbegriffs aus- machen: eine normative , eine totalitätsorientierte , eine differenzierungstheoretische sowie eine bedeu- tungs- und wissensorientierte Variante. Der normative Kulturbegriff (Reckwitz 2006, 70 f.) nimmt Ciceros Idee der cultura animi auf Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art086, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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