Handbuch 5. Auflage

Kulturtheorien 931 der Gewinn ist beträchtlich und in seinen Folgen noch nicht absehbar. Er liegt in der Formierung ei- ner anderen , die traditionale binäre Logik verlassen- den Denkordnung und Erkenntnishaltung, die sich verstärkt im wissenschaftlichen Diskurs über die Studies institutionalisiert. Die Turns bahnten jeder für sich Wege den fundamentalen Leitantagonismus Natur/Kultur und sich daran anschließende binäre Setzungen wie: wild/zivilisiert, Individualismus/ Kollektivismus, Hochkultur/Populärkultur, System/ Lebenswelt, Heterogenität/Homogenität, essentia- listisch/prozessual, Eigenes/Fremdes, Erkenntnis- objekt/Erkenntnissubjekt, Materialität/Bedeutung mit ihren tradierten asymmetrischen Inklusions-/ Exklusionsmarkern zu verlassen und neue Antwor- ten auf die Fragen nach den Bedingungen kultureller (Un)Ordnung zu ermöglichen. Durch den macht- analytischen, differenz- und kontingenzorientierten Fokus auf kulturelle Praxis rücken mit den Studies schließlich die offenen, relationalen, prozesshaften, sich überlappenden, überschneidenden hybriden Verflechtungserscheinungen zwischen den genann- ten Polen in den Vordergrund. Das Analyse- und Methodenvokabular dieser darüber hinausgehenden Denkbewegungen zentriert sich um den Begriff Übersetzung (translation) als „neuer pragmatischer Grundbegriff der Sozial- und Kulturwissenschaften“ (Bachmann-Medick 2006, 138). Übersetzung heißt „etwas von einem Ort zu einem anderen Platz brin- gen“ und übersetzt werden nicht nurWorte von einer fremden Sprache in die eigene, sondern Denkwei- sen, Weltbilder, Konstruktionen, Praktiken, Lebens- formen, sogar Menschen und nicht zuletzt Wissen, wie aktuell die Etablierung trans diziplinärer Studien- gänge und Qualifikationsmodule zeigt. Dabei unter- stellt der Übersetzungsbegriff nicht unbedingt einen glatten, unbeschadeten Transfer dieser „Güter“, son- dern legt den Raum des Hin- und Herübersetzens selbst frei mit allen seinen fehlgeschlagenen Ver- suchen, Einbrüchen, Widerfahrnissen und Beschä- digungen. Diese werden jedoch nicht negiert, diffa- miert, ausgegrenzt oder exkommuniziert, sondern in ihrem Potenzial besonders für die Transformation dessen, was übersetzt wird, gewürdigt. Die Überset- zungsperspektive macht Raum für die hybriden Mo- mente der Ungewissheit, der Unentscheidbarkeit, des Widerspruchs, der Subversivität, die in binär­ logischen Differenzkonstruktionen zum Verschwin- den gebracht werden – entweder durch Nivellierung oder durch Ausgrenzung von Differenzen. Als Modell für eine trans disziplinäre Theorie- und Praxisbildung der Sozialen Arbeit ermöglicht die Übersetzungsperspektive solche Grenz-, Zwischen-, Übergangs- und Kontakträume in ihren hybriden Überlappungen und kontingenten Vermischungen produktiv zu machen auf der Spur des dazwischen liegenden, tendenziell unverfügbaren und nicht-as- similierbaren kulturellen Restpotenzials. Doch bis- her bleiben translationale Denkherausforderungen zur disziplinären (Selbst)Reflexion über materiell- strukturelle wie symbolisch-diskursive Ver-ortung sozialarbeiterischer Theorie- und Praxisbildung eher in dem Import von Leitcodes stecken, werden bei Übernahme durch einen dauerhaft fixierten sozial- pädagogischen Blick tendenziell gebrochen und da- mit ihres differenz- und kontigenzorientierten, grenzüberschreitenden Reservoirs entledigt (Neu- mann/Sandermann 2009). Der offensichtlichste Gewinn der Turns und Studies liegt in der Einsicht in das hybride In-, Neben- und Übereinander kultu- reller Formen und der dadurch implizierten radikal anderen Perspektive auf differenz- und kontingenz- aushaltende Grenzräume. Diese ermöglichen eine (Re)Strukturierung materieller und symbolischer „(Human) Ressourcen“ jenseits nivellierender In- klusions- und abspaltender Exklusionspraktiken, aber unter der Bedingung fortwährender Grenz- arbeit . Soziale Arbeit als Theorie- und Praxisprojekt ist aus dieser Perspektive eine „Grenzgängerin“ (Kessl et al. 2005), die ihr Selbstverständnis stets auf der prekären Fluchtlinie exzentrischer Positionalität ste- hend (Brumlik 2006, 63) interventionistisch ver- mittelnd erfährt. Literatur Ackermann, A. (2004): Das Eigene und das Fremde: Hybri- dität, Vielfalt und Kulturtransfers. In: Jaeger, F., Rüsen, J. (Hrsg.): Handbuch der Kulturwissenschaften. Bd. 3 The- men und Tendenzen. J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar, 139–154 Anhorn, R., Bettinger, F., Stehr, J. (Hrsg.) (2007): Foucaults Machtanalytik und Soziale Arbeit. Eine kritische Einfüh- rung und Bestandsaufnahme. VS, Wiesbaden Bachmann-Medick, D. (2006): Cultural Turns. Neuorientie- rungen in den Kulturwissenschaften. Rowohlt, Hamburg

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=