Handbuch 5. Auflage
930 Klein und Artifizialität, Fabrikation und Diskursivität auf der anderen Seite zusammentreffen. Sozialpädago- gisch brisant wird vor allem die disziplinäre Positio- nierung zu bio- und nanotechnologischen Modifi- zierungen (Kultivierungen) eines wie auch immer gefährdeten oder abweichenden Subjekts über neue Modelle des Body- und Neuroenhancements, durch die von außen optimierend auf Körper und Psyche eingewirkt werden kann – und zwar im lebenslangen Modus, von der Zeugung bis zum Tod. Die Queer Studies verhandeln entlang der Binarität zwischen sozialem Geschlecht (gender) und biolo- gischem Geschlecht (sex), zwischen Hetero- und Homosexualität, ähnliche kulturelle Dilemmata. Sie dekonstruieren in konsequenter Reflexion des Otherings die naturhaft wirkende Zwei-Geschlech- ter-Ordnung als diskursives Hegemonialprodukt einer heteronormativen Dominanzkultur. Sexuali- tät verlässt das Private und lanciert zu einer macht- analytischen, herrschaftskritischen Leitkategorie der queeren Perspektive, die ebenso wie Geschlecht, Rasse, und Klasse als Kategorie sozialer, politischer und ökonomischer Strukturierung fungiert (Czol- lek et. al. 2009). Heteronormativität strukturiert Institutionen, wie Ehe, Familie, Recht, Verwaltung und auch Soziale Arbeit in entscheidender Weise vor, schreibt sich darüber in Geschlechter- und Gesellschaftsverhältnisse, in Subjektivierungswei- sen, Alltags- und Professionspraktiken ein. Analog steht in den Disability Studies die Dichoto- misierung von biologisch-körperlicher Schädigung (impairment)und sozialer Behinderung (disability) im Zentrum der kritischen Analyse mit dem Ziel, kulturwissenschaftliche Lücken im Behinderten- diskurs zu füllen und dessen Einschluss in Spezial- diskurse der Rehabilitationswissenschaft, der Heil- und Sonderpädagogik transdisziplinär aufzuheben (Waldschmidt / Schneider 2007). Mechanismen der soziokulturellen (Re)Produktion des „Sonderfalls Behinderung “ durchmedizinische, juristische, sozial politische, pädagogische und mediale Definitions- praktiken werden ebenso einer Reflexion unter zogen wie alltägliche und professionell ausgeübte Inklusions- und Exklusionspraktiken an „Men- schen mit besonderen Bedürfnissen“. Im Kontext der Sozialen Arbeit leisten die genann- ten Studies einen wesentlichen Beitrag zur Refle- xion der (Mit)Täterschaft bei der Produktion ihres eigenen Klientels und damit ihrer eigenen profes- sionellen Legitimierung. Aktivierende, optimie- rende, queere und behinderte Subjektivierungen als Konstrukte kultureller Produktion zu begreifen bedeutet, das Projekt der Sozialen Arbeit selbst als konstitutiven Bestandteil der kulturellen Produk- tion dieser Identitätszuschreibungen aufzufassen. Im repräsentationskritischen, selbstreflexiven und sich potenziell selbst dekonstruierenden Blick liegt das eigentliche politische und pragmatische Po- tenzial der skizzierten Studies für die Soziale Arbeit. Durch den durchgängig vorhandenen differenz- orientierten und machtanalytischen Blick verliert Kultur ihre soziale, ökonomische und politische Ortlosigkeit. Sie wird aus dem geschützten Ge- häuse ästhetischer Bildungspolitiken herausgeholt, lebensweltlich kontextualisiert und dynamisiert sich zu einem umkämpften Konglomerat diskur- siver und praktischer Problem- und Konfliktlagen, in dem Menschen, Dinge, Symbole, Ordnungen ge-, um-, rück- oder verbildet werden; ein ungenau abgestecktes Terrain, in dem diese reingelassen, raus-, rum- oder weggeschickt werden – nicht zu- letzt von ProtagonistInnen der Sozialen Arbeit. Translationale Grenzarbeit Was zeigt uns der Gang durch die wechselhafte Ge- schichte des Kulturbegriffs und begleitender kultur- theoretischer Strömungen? Kultur wurzelt ebenso wie andere Selbstverständigungsbegriffe – Identität, Person, Subjekt, Gesellschaft, Nation – in historisch gerahmten Wirklichkeitsverständnissen und Deu- tungsschemata von Realität, die sie wiederum wech- selwirkend operativ verändert. Auch die skizzierten Turns und Studies sind eine Begleiterscheinung real- historischer Umwälzungen, die mit den Stichworten Globalisierung (Diffusion westlicher Lebens-, Markt- und Konsumformen) und Technologisierung (bio- und nanotechnologische Transformationen von Natur- und Körperverhältnissen) umschrieben wer- den kann (Reckwitz 2006, 726 f.). Wie diese bringen die Turns die traditionale, auf vereindeutigende, bi- näre Prinzipien beruhende, kulturelle Ordnung der Dinge grundlegend durcheinander. Ein standardi- siertes oder standardisierbares Tableau von Kultur- theorien, aus denen praktische Anwendungen linear und evidenzbasiert ableitbar sind, ist daher nicht aufstellbar. Leider, so das erste festzuhaltende Resul- tat, das sich auf den damit einhergehenden Verlust bezieht. Doch, so das zweite festzuhaltende Resultat,
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