Handbuch 5. Auflage
934 Lebensweltorientierung Von Klaus Grunwald und Hans Thiersch Das Konzept Lebensweltorientierte Soziale Arbeit oder Alltagsorientierung der Sozialen Arbeit – im Folgenden werden die Begriffe synonym ge- braucht – verbindet eine spezifische Sicht auf die AdressatInnen mit einem von ihr inspirierten Selbstverständnis und Arbeitskonzept der Sozialen Arbeit. Es ist seit den 1970er Jahren in der damali- gen Bundesrepublik ausgearbeitet worden und seitdem zu einem gewichtigen, aber nicht un- umstrittenen Faktor in der disziplinär-theoreti- schen und praktischen Entwicklung der Sozialen Arbeit geworden. Angesichts vorliegender ausführ- licher Darstellungen (Thiersch 1986; 1992; 2002; Bitzan et al. 2006; Grunwald /Thiersch 2008; 2009; 2010; Thiersch et al. 2010; siehe dazu auch Engelke et al. 2008; Füssenhäuser 2005; Niemeyer 1998) beschränkt sich das Folgende darauf, Prinzi- pien des Ansatzes zu skizzieren und sie auch im Horizont kritischer Einwände und notwendiger Weiterentwicklungen zu pointieren. Lebensweltorientierte Soziale Arbeit sieht die AdressatInnen in ihrem Leben bestimmt durch die Auseinandersetzungen mit ihren alltäglichen Le- bensverhältnissen. Sie sieht die AdressatInnen in ihren Problemen und Ressourcen, in ihren Freihei- ten und Einschränkungen; sie sieht sie – vor dem Hintergrund der materiellen und politischen Be- dingungen – in ihren Anstrengungen, Raum, Zeit und soziale Beziehungen zu gestalten. Die Adressa- tInnen sind aus dieser Perspektive eingebunden in vielfältige Widersprüche zwischen verfügbaren Ressourcen und problematisch belastenden Le- bensarrangements, zwischen gekonnten und unge- konnten Bewältigungsleistungen, Resignation und Hoffnung, Borniertheit des Alltags und Aufbegeh- ren gegen diese Borniertheiten. Lebensweltorientierte Soziale Arbeit agiert in die- sen Widersprüchen, indem sie die lebensweltlichen Potenziale der AdressatInnen zu stärken, ihre Defi- zite zu überwinden und Optionen freizusetzen sucht, also im Medium des Alltags einen gelingen- deren Alltag zu ermöglichen und zu erleichtern sucht. Sie nutzt im Horizont der demokratischen Realisierung sozialer Gerechtigkeit ihre institutio- nellen und professionellen Möglichkeiten, damit Menschen auf der Basis ihrer eigenen Kompeten- zen in gerechteren Verhältnissen und möglichst selbstbestimmt leben können. In seinem Ausgang von der alltäglichen Lebenswelt und ihren Problemen, die sie in ihrer eigenen Dig- nität sieht, unterscheidet sich das Konzept der Le- bensweltorientierung von anderen methodischen Ansätzen der Sozialen Arbeit ebenso wie von ande- ren Zugängen zu sozialen und psychischen Phäno- menen im Rahmen von Therapieformen, Medizin oder Sozialpolitik. Auch wenn Lebensweltorientie- rung vielfältig durchlässig zu ihnen ist, werden im Konzept der Lebensweltorientierten Sozialen Ar- beit die sich stellenden Aufgaben aus der Perspek- tive der Chancen und Risiken einer lebenswelt- lichen Bewältigung gesehen. Entstehung und historisch- gesellschaftlicher Hintergrund Das Konzept Lebensweltorientierte Soziale Arbeit hat den Anspruch, den generellen Aufgaben Sozia- ler Arbeit, also der Vermittlung von Individuum und Gesellschaft in den Grundstrukturen des hel- fenden, erziehenden und bildenden Handelns, ge- recht zu werden, und ist geprägt durch den Wider- spruch von Hilfe und Kontrolle, von Freisetzung und Disziplinierung. Es konkretisiert diese Struk- turen in der Antwort auf gegebene historische und gesellschaftliche Herausforderungen in ihren spezi- fischen Macht- und Definitionskonstellationen und Interessenkämpfen. Das Konzept Lebenswelt- Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art087, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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