Handbuch 5. Auflage
Lebensweltorientierung 935 orientierte Soziale Arbeit sieht keinen Gegensatz zwischen den allgemeinen Aufgaben Sozialer Ar- beit und ihren Strukturen auf der einen Seite und deren Bestimmung im Horizont gesellschaftlicher und sozialer Konkretisierung auf der anderen Seite. Es insistiert darauf, dass Strukturmuster ohne Kon- kretisierung leer, Konkretisierungen aber, die nicht auf Strukturmuster bezogen sind, blind bleiben, um ein Diktum Kants abzuwandeln. Diese gesellschaftlich-sozialen Konstellationen las- sen sich auf zwei Ebenen rekonstruieren, einer ers- ten zeitgeschichtlichen und einer zweiten, auf ge- nerelle Entwicklungen der Moderne bezogenen. In den 1960er und 1970er Jahren war die Soziale Arbeit bestimmt durch eine expandierende und sich spezialisierende Fachlichkeit und eine radikale, sich totalisierende politische Funktionsbestim- mung der Sozialen Arbeit als Agent des Kapitals. Gegen diese Entwicklungen hat sich das Konzept lebensweltlich orientierter Sozialer Arbeit ent- wickelt, im Insistieren auf alltägliche Lebenserfah- rungen und Kompetenzen bei den AdressatInnen ebenso wie in der Sozialen Arbeit. Es versucht da- bei die Unhintergehbarkeit von Fachlichkeit fest- zuhalten und mit der Gefahr zu vermitteln, dass in ihr die Alltagserfahrungen der AdressatInnen kolo- nialisierend übergangen werden; es insistiert auf der politischen Bedingtheit der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Sozialen Arbeit, vermittelt sie aber mit den Chancen konkreter Veränderungen. Formeln wie „Kritik und Handeln“ oder „Schwie- rige Balance“ versuchen, diese Position zu fassen. Diese Situation aber ist geprägt durch gesellschaft- liche Entwicklungen, die generell für die demokra- tische Industriegesellschaft der Moderne charakte- ristisch sind. Sie ist bestimmt durch das neuzeitliche Projekt sozialer Gerechtigkeit, das den Zusammen- hang von Gerechtigkeit und Gleichheit im Me- dium von Verteilungs- und Zugangsgerechtigkeit sieht und neben der Durchsetzung der formalen Gerechtigkeit in Bezug auf Recht und politische Partizipation auch die Gestaltung von Lebensver- hältnissen als gesellschaftliche Aufgabe versteht. Es gilt, Ungleichheiten in den realen Lebensverhält- nissen abzubauen. Neben den Zugängen z. B. der Sozialpolitik, der Gesundheitspolitik und der Bil- dungspolitik wird Soziale Arbeit zuständig für die Gestaltung von Strukturen, Ressourcen und Kom- petenzen in der alltäglichen Lebenswelt. Das Konzept Lebensweltorientierte Soziale Arbeit konkretisiert diese Aufgabe, indem es sie in den Kontext der allgemeinen Entdeckung der Bedeu- tung von Alltag und Lebenswelt stellt, die für das vorige Jahrhundert charakteristisch war. Gegen- über der erstarkenden Macht rational-technolo- gisch bestimmter Produktions-, Verwaltungs- und Lebensformen wurde Lebenswelt als basale Voraus- setzung allen auch gesellschaftlichen Lebens und als protestative Gegenwehr immer bedeutsamer, wie dies in der Entgegensetzung von Lebenswelt und System und dem Theorem von der Koloniali- sierung der Lebenswelt von Habermas (1981) auf den Begriff gebracht wurde. Gestaltung und Probleme der alltäglichen Lebens- welt waren in der Arbeiterbewegung im Kampf gegen Entfremdung und für bessere Lebensbedin- gungen zum Thema geworden, sie waren ebenso Thema in der Frauenbewegung, die die Bedeutung von Care entdeckte. Parallel dazu hatte die Phi- losophie die allgemeine Dignität der Frage nach den Lebensverhältnissen in ihrer subjektiven und situativen Bedeutung sowie in der Zeitlichkeit der Sorge und des Besorgens im Alltag analysiert. Die Dramen des Alltags wurden immer mehr zum Ge- genstand literarischer Darstellungen bis in die heutige Flut von Biografien und Autobiografien. Lebensweltorientierte Soziale Arbeit entspricht diesen Strömungen der Zeit und versteht die Pro- filierung ihrer Aufgaben vor diesem Hintergrund. Seit den 1970er Jahren wird die Frage nach dem Alltag zunehmend hineingerissen in die Struktu- ren der Moderne im Zeichen der Pluralisierung der Lebenslagen, der Individualisierung der Le- bensführung und der Unübersichtlichkeit der Lebensverhältnisse. Alltag wird in sich wider- sprüchlich und brüchig; Traditionen der Orien- tierung verlieren ihre Gestaltungskraft. Die Rede vom Alltag wird Indiz dieser Krise. Unterstüt- zungen und Hilfen im Alltag werden zunehmend dringlicher und deshalb ausgebaut; sie werden vergesellschaftet, also in institutionell organisier- ter Form entwickelt und realisiert. Das Konzept Lebensweltorientierte Soziale Arbeit versteht sich als ein Versuch, die gesellschaftlich fälligen und fachlich gestalteten Unterstützungen für ihre AdressatInnen in den widersprüchlichen, brüchi- gen und anstrengenden Bewältigungsaufgaben alltäglicher Lebensverhältnisse im Horizont des Anspruchs auf ein gerechteres und gelingenderes Leben zu ermöglichen und zu realisieren.
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