Handbuch 5. Auflage
951 Problemstellung Die theoretisch-empirischen Perspektiven von So- zialwissenschaften im Allgemeinen und Sozialer Arbeit im Besonderen heben auf die Erforschung und Bearbeitung lebenspraktischer Fragen ab und werden als sozial und damit gesellschaftlich kon struierte und zu verantwortende Kontexte und Pra- xen verstanden. Sozialarbeiterische Interventionen erfolgen mit dem Ziel, ein selbstbestimmtes Leben basierend auf begründeten Entscheidungen für die und mit den Adressaten / Adressatinnen zu ermögli- chen. Auch wenn innerhalb professions- und diszi- plinpolitischer Diskurse das Proprium Sozialer Ar- beit kontrovers diskutiert wird (Thiersch /Treptow 2011), so kann in der fachlichen Klärung von Selbstverständnis, Auftrag und Leistungsfähigkeit ein weitestgehender Konsens markiert werden, der in der Unterstützung menschlicher Lebensfüh- rungsweisen mit der Zieldimension der Befähigung und (Wieder-)Herstellung von Autonomie (u. a. Scherr 2002; Brumlik 2004) besteht. Lebenspraxen werden dabei innerhalb eines Kontinuums von menschlicher Verwirklichung und Entfaltung ei- nerseits (flourishing), d. h. einem gelingenden oder guten Leben, und andererseits aus Nachteilen resul- tierendem menschlichen Leiden (suffering) veror- tet. Leid(en) wird gefasst als lebensweltlich relevante Verhinderungen von Zugängen zu erstrebenswer- ten Daseins- und Handlungsmöglichkeiten sowie deren materiell-ökonomische, soziale und kultu- relle Voraussetzungen. Dem Sachverhalt, dass menschliche Lebensführungsweisen faktisch von Leiden geprägt sind, steht die wissenschaftliche Vernachlässigung einer theoretisch-konzeptuellen Auseinandersetzung mit Leiden gegenüber. Leiden ist zwar als abstraktes Sujet kontinuierlicher Gegen- stand soziologischer Erörterungen (für einen grund- ständigen und in der Breite umfassenden Rekurs auf die deutschsprachige Auseinandersetzung: Breckner 1990, für die weitaus intensiveren akade- mischen Bearbeitungen im angelsächsischen und französischen Diskurs: Kleinman et al. 1997, 2000, 2001; Wilkinson 2005) bzw. impliziter Bezugs- punkt hieran anschlussfähiger Termini (exem plarisch: Entfremdung, Benachteiligung, Risiko, Anomie, Ungerechtigkeit, soziale Probleme etc.). Nichtsdestotrotz fehlt es an einer überzeugenden begrifflichen Bestimmung und einem theoretischen Modell, welches neben weiteren disziplinimmanen- ten Erkenntnissen eine analytisch-normative Folie, d. h. nicht nur phänomenbeschreibende, für sozial- arbeiterische Handlungszusammenhänge offeriert. Damit können Einsichten in den Konstruktions- und Erfahrungsmechanismus der sozialen Dienste möglich werden, die zum einen bislang verschlos- sen geblieben sind und zum anderen neue, zentrale Dimensionen zugunsten eines kontextsensiblen be- fähigenden Interaktionsprozesses mit den Adressa- ten / Adressatinnen eröffnen können. Eine Proble- matisierung dieser Blindstelle erscheint gerade vor dem aktuell reüssierenden Rekurs auf den Begriff der Menschenwürde (Misztal 2013) und den Be- griff der Person (Sturma 2001) im akademischen Diskurs um soziale Gerechtigkeit und Menschen- rechte relevant und ertragreich. In diesem Zusam- menhang wird argumentiert, dass die Auseinander- setzung um Leiden die Diskurse um Würde und Gerechtigkeit in Hinblick auf die analytische Ge- genstandsangemessenheit und sozialpolitische Rah- mung sowohl um eine konzeptionelle als auch se- mantisch-performative Korrektur ergänzt. Dieses Desiderat bearbeitet die nachstehende Ar- gumentation, indem ein theoriearchitektonischer Entwurf vorgelegt wird, der Leiden in seinen Kern- dimensionen markiert, d. h. die deskriptiven und normativen Momente eines solchen Terminus ana- lysiert. Der vorgeschlagene Begriff von sozialem Leid(en) Von Matthias Koch und Benedikt Reusch Otto /Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378 / ot4az.art007, © 2013, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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