Handbuch 5. Auflage

952 Koch / Reusch  Leiden greift die bestehenden Auseinandersetzun- gen auf und soll der weiteren und progressiven be- griffsanalytischen Ausdeutung dienen und letztlich ein Instrumentarium für eine sozialwissenschaftli- che Praxis bereitstellen. Dies geschieht mit dem Ziel, in sozialen Diensten die professionellen Ur- teile über soziale Leidenserfahrungen von – durch hohe Vulnerabilität gekennzeichneten – Bevölke- rungsgruppen zu fundieren. Daran schließt die Thematisierung sozialen Leidens als sozialarbeiteri- scher Impetus an, verortet im Spannungsverhältnis von institutionellem Sachzwang und normativem Selbstverständnis. Soziales Leiden: Begriffliche Annäherung Der nachstehende Abschnitt umfasst die theoreti- sche und begriffliche Rekonstruktion des Phäno- mens menschlichen, konkret sozialen Leidens, das als sozial verursacht und damit potenziell vermeid- bares Leiden verstanden wird. Dies geschieht unter Einbeziehung der einschlägigen sozialwissenschaft- lichen Diskurse, um eine möglichst breit abgestützte Definition vorzulegen. Im Rahmen dieser Rekon­ struktion werden vier zentrale Dimensionen sozia- len Leidens identifiziert, welche für eine begriffsana- lytische wie theoretisch abgesicherte Architektur sozialen Leidens notwendigerweise relevant sind: Soziales Leiden als sozialer Tatbestand ■ ■ Soziales Leiden und seine normative Verortung ■ ■ Soziales Leiden und dessen Kritik ■ ■ Soziales Leiden und die Bedeutung von ‚distanzier- ■ ■ ter Nähe‘ 1914 erschien in Deutschland eine Arbeit, deren programmatischer Titel jenseits von Werturteils- freiheit und Neutralitätspostulat die Stoßrichtung einer soziologischen Disziplin als Krisenwissen- schaft auf den Punkt brachte (Albert 2010): Die ‚Soziologie der Leiden‘ von Franz Müller-Lyer (1914). Leiden war für den Kultursoziologen Mül- ler-Lyer „das praktische Zentralproblem der menschlichen Gesellschaft“. Leiden war ihm zu- folge letztlich ein Ergebnis „sozialer Krankheiten“, die „nur durch soziale Mittel bekämpft werden“ können (VIIff.). Die damit identifizierte erste Di- mension – Leiden als sozialer Tatbestand  – galt als ein (wenigstens implizites) Paradigma einer Sozial- wissenschaft mit prognostischem Potential, welche die sich verändernden gesellschaftlichen Bedingun- gen unter der Voraussetzung voranschreitender so- zialer Differenzierung, Industrialisierung und des Verhältnisses von Individualisierung und Moderne ins Zentrum der Disziplin rückte (Durkheim 1989, 151 ff.; Simmel 1989, 41). Soziales Leiden lässt sich mit Hilfe von Durkheims Kennzeichnung des Sozialen und der methodologi- schen Setzung, dass Soziales nur durch Soziales zu erklären ist, damit in seinen verschiedenen Erschei- nungsformen bereits grundständig in die sozialwis- senschaftliche Theoriedebatte einbinden. In einem ersten Schritt lassen sich die Differenzen zu ande- ren Formen menschlichen Leidens kenntlich ma- chen. Soziales Leiden als soziale Tatsache ist in Durkheims Sinne durch zwei Merkmale gegen psychisch-geistige Tatbestände abgegrenzt. Zum einen durch ihren Dingcharakter, d. h. durch ihre Independenz von individuellen Willensbekundun- gen und durch ihre der systematischen Beobach- tung zugängliche Gestalt und Eigenschaften außer- halb der Individuen, und zum anderen durch ihren objektiven Zwangscharakter. Subjektives (indivi- duelles / kollektives) Leiden an den jeweiligen (öko- nomischen, politischen, ideologischen etc.) gesell- schaftlichen Rahmen- und Lebensbedingungen lässt sich so mit Durkheim als sozialer Tatbestand fassen. Im Zusammenspiel mit spezifischen norma- tiven Konsensen legt dieser soziale Tatbestand Möglichkeiten und Grenzen individuellen Han- delns fest, die als äußerer Zwang erfahren werden. Vor diesem Hintergrund werden sowohl die objek- tive Ebene der Konstitutionsbedingungen von so- zialem Leiden als auch die subjektive Ebene der divergierenden und einander häufig überschnei- denden (zwischenmenschlichen, psychischen, phy- sischen etc.) Auswirkungen analytisch erfassbar. In den folgenden Jahrzehnten kam es verstärkt zu ei- ner deskriptiv-analytischen Neuorientierung der deutschsprachigen Sozialwissenschaft (Rehberg 2010, 233 ff.). In deren Folge wurde sukzessiv ein Wissenschaftsverständnis befördert, in dem das Phänomen menschlichen Leidens als moralisches bzw. individuelles Problem gedeutet und somit in die Verantwortungsbereiche der Philosophie, Psy- chologie und anverwandter Teildisziplinen über- führt und eskamotiert wurde (Wiese 1934; kritisch Dreitzel 1980).

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=