Handbuch 5. Auflage

958 Koch / Reusch  ständnisses gilt es, die eigene Rolle und Funktion in der (Re-)Produktion hegemonialer Strukturen des jeweils gültigen wohlfahrtsstaatlichen Arrange- ments machtsensibel zu analysieren. Vor dem Hin- tergrund des hier nur angedeuteten ambivalenten Verhältnisses von institutionellem Sachzwang und normativem Selbstverständnis rückt die Frage nach dem theoretischen und praktischen Gebrauchswert der hier vorgelegten begrifflichen Bestimmung von sozialem Leiden in den Vordergrund. Im Gegen- satz zu einer Defizitorientierung, die die sozio-kul- turelle Einbettung der Adressat(inn)en verkennt, bringt eine auf soziales Leiden abhebende Professi- onslogik genau jene notwendige vermittelnde Ver- knüpfung von Individuum und Gesellschaft in Anschlag. Soziales Leiden wird gemäß der hier ent- falteten Begriffsbestimmung eben nicht bloß als lediglich individuell zu verantwortende und zu be- arbeitende Notlage begriffen. Vielmehr wird die Frage auf die theoretische und praktische Aufmerk- samkeit auf Auseinandersetzungen um menschli- che Würde und soziale Gerechtigkeit gelenkt, die wiederum auf Rechtfertigungsanforderungen ver- weisen, die sich im Zuge der Bestimmung der für die sozialarbeiterische Disziplin und Praxis relevan- ten Leidensformen stellen. Die Frage, welches und wessen Leid warum und wie zählen soll, sollte nicht nur durch die ordnungspolitische Normierung be- antwortet werden (Wilkinson 2011). Die vorge- nommene Begriffsbestimmung von sozialem Lei- den dechiffriert Leiden an der Gesellschaft und in der Gesellschaft als sozial verursacht. Dieser sozio- logische Analysegegenstand bietet nicht nur An- satzpunkte für ideologiekritische Interventionen, sondern erlaubt es auch, subjektiv-individuelle Narrative für Kritik in Anspruch zu nehmen. So- mit kann soziales und dadurch potenziell vermeid- bares Leiden (James 1982; Mayerfeld 2002) über- zeugend als Ausgangspunkt eines Kontinuums gelingender Lebensführungen markiert werden, auf welches eine offensiv ausbuchstabierte Soziale Arbeit abhebt. Bei der Analyse von sozialem Leiden geht es zum einen darum, professionelle Deutungs- und Erklärungsmuster bereitzustellen, die die Situ- ationen und Perspektiven vulnerabler Individuen und Kollektive aufklären, und zum anderen um deren eigene Leidensnarrative, welche sich im Ar- beitsbündnis artikulieren. Es geht darum, wie fremdes, vormals distanziertes personifiziertes Leid, das sich in Unrechts- und Gewalterfahrungen so- wie Sprach- und Perspektivlosigkeit ausdrückt, zu einem Ausgangspunkt sozialarbeiterischer Inter- vention wird. Darüber hinaus geht es darum, wie dieses Leid durch professionelle und administrative Übersetzung beredet gemacht werden kann. Die sorgfältige Thematisierung sozialen Leidens bildet einen tragfähigen Ausgangspunkt dafür, den grund- legenden Befähigungen von Sozialität, Anerken- nung und gesellschaftlicher Teilhabe erst Geltung zu verschaffen. Literatur Albert, G. (2010): Der Werturteilsstreit. In: Kneer, G., Moe- bius, S. (Hrsg.): Soziologische Kontroversen. Beiträge zu einer anderen Geschichte der Wissenschaft vom Sozialen. Suhrkamp, Berlin, 14–45 Balluseck, H. von (2003): Minderjährige Flüchtlinge. Soziali- sationsbedingungen, Akkulturationsstrategien und Unter- stützungssysteme. Leske + Budrich, Opladen Bengtsson-Tops, A., Saveman, B.-I, Tops, D. (2009): Staff experience and understanding of working with abused wo- men suffering from mental illness. Health&Social Care in the Community 17 (5), 459–465 Benhabib, S. (2002): Claims of Culture. Equality and Diver- sity in the Global Era. Princeton University Press, Wood- stock, Oxfordshire Bernstein, J. M. (2005): Suffering Injustice: Misrecognition as Moral Injury in Critical Theory. International Journal of Philosophical Studies 13 (3), 303–324 Böllert, K., Otto, H.-U., Schrödter, M., Ziegler, H. (2011): Gerechtigkeit. In: Otto, H.-U., Thiersch, H. (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit. 4. Auflage. Ernst Reinhardt, München/Basel, 517–527 Boltanski, L. (1999): Distant suffering. Morality, media, and politics. Cambridge University Press, Cambridge Boltanski, L., Thévenot, L. (1999): The Sociology of Critical Capacity. European Journal of Social Theory 2 (3), 359– 377 Bommes, M., Scherr, A. (2000): Soziologische Funktionsbe- stimmungen Sozialer Arbeit. In: Dies. (Hrsg.): Soziologie der Sozialen Arbeit. Eine Einführung in Formen und Funk- tionen organisierter Hilfe. Juventa, Weinheim, 36–63 Bourdieu, P. (1997): Das Elend der Welt: Zeugnisse und Di- agnose alltäglichen Leidens. UVK, Konstanz Bowles, R. (2005): Social Work with Refugee Survivors of Torture and Trauma. In: Alston, M., McKinnon, J. (Hrsg.): Social work. Fields of practice. 2. Aufl.. Oxford University Press, South Melbourne, Vic./New York,, 249–267 Breckner, I. (1990): Leiden an der Moderne: Konstitutionsbe- dingungen von Leiden im historischen Prozess gesellschaft- licher Modernisierung. Dissertation, Universität Bielefeld

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