Handbuch 5. Auflage

Leid(en) 957 mustern der Arbeitnehmer(innen) anderseits, und zwar vor dem Hintergrund der Leistungsfähigkeit Letzterer. Dass die jeweiligen Produktionsbedin- gungen auch Wirkungen auf das Leiden in ihnen und eben an ihnen impliziert und damit dezidiert auf die subjektive Narration von Betroffenen ver- weist, verfolgt Adolf Levenstein (1912). Levenstein interessiert sich für die sozio-psychologischen und physischenFolgenkonkreterArbeitsverhältnisse – er fragt nach dem Wohlergehen und den Lebensfüh- rungsweisen der Arbeiterschaft in ihren spezifischen ökonomischen Kontexten. Eine weitere Akzentver- schiebung der Sozialforschung erfolgt im Jahr 1933 durch die sog. Marienthal-Studie (Jahoda et al. 1975), die nunmehr die Erforschung sozio-psycho- logischen Leidens von Arbeitslosengemeinschaften in ihrer Komplexität einzufangen versucht. Durch die Kombination von statistischen Verfahren und qualitativen Forschungszugängen wird der wissen- schaftliche Versuch unternommen, die aus der (Langzeit-)Arbeitslosigkeit resultierenden subjekti- ven Leiden an objektivierbare gesellschaftliche Be- dingtheiten rückzubinden. Festzuhalten ist, dass die Problemwahrnehmung von Leiden als sozialemTat- bestand in und an Arbeitsverhältnissen variieren können – und damit auch die entsprechende empi- rische Sozialforschung. Die eingangs genannten di- vergenten Ausprägungen von Leiden als sozialem Tatbestand in der Arbeitswelt werden aus neolibera- ler Perspektive individualisiert und personalisiert. Es seien nicht soziale und politisch-ökonomische Bedingungen wie die Prekarisierung von Produkti- onsbedingungen, die Leid produzieren. Ursächlich sei vielmehr die individuelle Inaktivität, die selbst verschuldete Fehlinvestition bzw. -kalkulation des vorhandenen Humankapitals oder die fehlende in- dividuelle Fähigkeit, resilient bzw. präventiv auf Überlastung und Stress zu reagieren (Dejours 2008; 2012; Dejours /Deranty 2010). Leid in solch einer normativen Rahmung gilt dann als Angelegenheit des pathologisierten Individuums. Soziales Leiden als sozialarbeiterischer Impetus Ausgehend von dem Faktum, dass Soziale Arbeit Teil des wohlfahrtsstaatlichen Arrangements ist, lässt sich ein ambivalentes Abhängigkeitsverhältnis zwischen Sozialpolitik und Sozialer Arbeit konsta- tieren (u. a. Kaufmann 1975; Dahme et al. 2008). Jenes Spannungsverhältnis drückt sich innerhalb der sozialarbeiterischen Professionslogiken in, ide- altypisch verkürzt, divergenten Orientierungen an System oder Lebensführung aus und wirft die Frage nach der Möglichkeit von Kritik auf. Ist Kritik durch Soziale Arbeit möglich und wenn ja, wie ist sie möglich (Hünersdorf /Hartmann 2013)? Zwar trifft die Diagnose zu, dass sozialarbeiterische Handlungszusammenhänge durch sozialpolitisch und administrativ formulierte und eingeforderte Funktionsanweisungen charakterisierbar sind (Bommes / Scherr 2000), gleichzeitig greift die Di- agnose jedoch auch zu kurz. Die überzeugende Per- spektive, dass die Gestaltung und Gültigkeit des wohlfahrtsstaatlichen Arrangements ein historisch gewachsenes soziales Ergebnis kontinuierlicher Veränderungsdynamiken darstellt (Kessl /Otto 2012), führt zu dem Schluss, dass jenseits der be- stehenden machtvollen Ordnung in politischen Arenen Möglichkeiten der diskursiven (Mit-)Be- stimmung über Deutungs- und Erklärungsmuster vorhanden sind, welche die Soziale Arbeit betref- fen. Obwohl kaum zu bestreiten ist, dass Soziale Arbeit immer auch ein wohlfahrtsstaatliches Ele- ment herrschaftsstabilisierender Rationalitäten und Rechtfertigungen ist, bestehen für die Soziale Ar- beit Möglichkeiten und ggf. Notwendigkeiten, sich professionell begründet als Akteurin in politischen Diskursen zu positionieren. Hiermit wird die Frage nach Kritik zugunsten der Möglichkeit beantwor- tet. Begründete Positionierungen lassen sich ge- winnen durch die analytische und normative Klä- rung von Selbstverständnis, Auftrag und Leistungsfähigkeit, wodurch die Wertmaßstabs- problematik (Otto et al. 2010, 138 ff.) aufgeworfen wird. Anstelle einer ungeprüften Adaption und Af- firmation gesellschaftlich dominanter Deutungs- und Handlungsmuster kann Soziale Arbeit in die- sen Diskursen Wirkmacht entfalten, wenn sie den existenten normativen Maßstäben dadurch begeg- net, dass sie eigene Maßstäbe für die Bewertung gesellschaftlicher Verhältnisse und individueller Lebenslagen formuliert und begründet (Sayer 2009; 2011). Eine Möglichkeit kann darin gesehen werden, die Soziale Arbeit durch die Auseinander- setzung mit egalitaristischen Konzeptionen als eine Gerechtigkeits- und Befähigungsprofession zu pro- filieren (Böllert et al. 2011). Neben der professi- onspolitischen Explikation normativer Selbstver-

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