Handbuch 5. Auflage

961 Leistung Von Wolfgang Maaser Leistung wird im Alltagsbewusstsein zumeist als Grund für entsprechende „Belohnungen“ angeführt. Besonders in einer durch Erwerbsarbeit geprägten Gesellschaft werden soziale Ungleichheiten durch den Verweis auf Differenzen in der Leistungsbereit- schaft und der Leistungsfähigkeit gerechtfertigt (Burzan 2004, 33f.). Einkommensunterschiede gel- ten dabei als notwendige Anreize. Das sozio-öko- nomische Panel (Berger 2005, 8 f.) dokumentiert, dass knapp zwei Drittel der Befragten diese Auffas- sung vertreten. Gleichzeitig plädieren mehr als 80% für die Einschränkung einer allumfassenden leis- tungsgesellschaftlichen Orientierung. Begriff Die Naturwissenschaften definieren Leistung als den Quotienten aus Arbeit / Energie und Zeit, d. h. als eine Verhältnisbestimmung von Arbeitsaufwand und dazu benötigter Zeit. Ein anthropologischer Begriff versteht unter Leistung hingegen das Aus- maß der Entfaltung spezifisch menschlicher Fähig- keiten, das Personen zielorientiert erreichen und verwirklichen. In der antiken Philosophie ist dieses Verständnis im Begriff der Meisterschaft, Tüchtigkeit, Voll- kommenheit o. Ä. (griech.: aretē, lat.: virtus) im- pliziert. Der Mensch verfügt über spezifische Ver- mögen und Anlagen, deren Entfaltung er verfolgt und anstrebt. Dabei kommt es vor allem auf die Entfaltung derjenigen Fähigkeiten an, durch die er sich vom Tier unterscheidet. In der bestmögli- chen Entwicklung und Vervollkommnung dieser Anlagen verwirklicht er das seinem Wesen ent- sprechende Menschsein und seine ihm damit eingestifteten Leistungsmöglichkeiten. Die Antike ging von einer klaren Hierarchie menschlicher Fähigkeiten aus: Theoretische Ver- mögen waren den praktischen übergeordnet, sinnliche Vermögen galten diesen beiden gegen- über als nachrangig. Die Entfaltung des Denkens wurde daher als wertvoller, d. h. als erstrebens- werter eingeschätzt als die Entfaltung der Lust. Die Ziele sah man als durch die Natur dem Men- schen objektiv vorgegeben an. An diesen vorgege- benen Zielen (und damit ontologischen Gütekri- terien) sollte sich die maximale Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten orientieren. Die antike Philosophie setzt folglich in der Entfaltung der Anlagen klare Prioritäten. Als die oberste und die entscheidende zentrale Fähigkeit menschlichen Lebens gilt das Denken. Das höchste Ziel der Denkleistung besteht im denkenden Betrachten der ersten Ursachen und Gründe (Aristoteles 1978, 982b; 1072a ff.) sowie der zielgerichteten Prozesse (Entelechie, Teleologie; Aristoteles 1978, 1049b–1051a), die der Natur eingestiftet sind. An zweiter Stelle steht die Fähigkeit, sich als freier Bürger in die praktische Politik einzubringen (Aristoteles 1983, X 6–9). Die Leistung besteht hier in einem praktischen Handeln, das auf das Gemeinwohl des Gemeinwesens abzielt (Böcken- förde 2002). Theoretisches Philosophenleben und praktische Politik stellen somit die zwei zentralen Bereiche dar, in denen sich diese priorisierten Ver- mögen zielgerichtet verwirklichen. Leistung be- deutet demnach die Entfaltung dieser spezifisch menschlichen Anlagen zu ihrer Bestform. Sie ist als die optimale Verwirklichung des menschlichen Seins und seiner ihm eingestifteten Potenziale zu verstehen. Damit unterscheidet sich die mensch- liche Leistung grundsätzlich von der der Dinge. Die Tüchtigkeit oder Leistung der Dinge ist von ihrer Funktion her bestimmt. So besteht z. B. die Leistung des Messers – wozu es eigentlich da ist – im optimalen Schneiden (Platon 1990, Pol. 353a). Demgegenüber ergeben sich die dem Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art089, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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