Handbuch 5. Auflage
962 Maaser Menschen angemessenen Leistungen aus anthro- pologischen Wesensbestimmungen und der Ent- faltung ihrer Potenziale, vor allem aus dem Ver- mögen , zu denken und zu handeln. In der Antike fand die Verwirklichung der Ver- mögen in überschaubaren Lebensformen und Kon- texten statt. Diese Rahmenbedingungen erleichter- ten eine Bewertung der menschlichen Leistung. Die maximale theoretische Leistung bestand im Denken der ewigen Strukturen der Welt und ihres Grundes, die bestmögliche praktische Leistung in der vorbehaltlosen Hingabe an eine gemeinwohl- orientierte, politische Praxis. Beide Ziele waren Ideale, die in der Praxis nur selten erreicht wurden. Ihre Verwirklichung geschieht zumeist nur annä- herungsweise und beinhaltet folglich komparative Dimensionen. Menschen vergleichen sich im Pro- zess der zielgerichteten Verwirklichung ihrer Anla- gen miteinander und bewerten unausweichlich ihre Realisierungsgrade, d. h. die entsprechende Leistung. Immer gibt es gelingende, bessere oder weniger gelingende oder schlechtere Verwirk- lichungen, gute oder schlechte Praxisbeispiele. Das subjektive Erleben dieser komparativen Dimension ist mit Affekten verbunden. Insgesamt kommt es darauf an, sich die richtigen praktischen Verwirk- lichungsmuster anzueignen und sie zu verstetigen. Der antike Begriff der Tüchtigkeit und seine kon- stitutive Verbindung zu spezifisch menschlichen Vermögen , kontextuellen Zielen (Gütekriterien) so- wie spezifischen Bereichen verweist bereits auf die zentralen Strukturaspekte, die sich später in der Entfaltung des neuzeitlichen Leistungsbegriffs in vielfältiger Weise transformieren. Problemdimensionen des Leistungsbegriffs Die neuzeitlichen Modifikationen des antiken Leistungsbegriffs verdanken sich dem veränderten und sich pluralisierenden Verständnis der drei Strukturelemente Vermögen, Ziele und Bereiche. Wesentlichen Anteil daran besitzt die ab der Neu- zeit stattfindende reale Vervielfältigung der Bereiche , in denen sich menschliches Leben vollzieht. Die neuzeitliche und moderne Gesellschaft bringt nach und nach eine Vielfalt unterschiedlicher, sozial konstruierter Kontexte hervor. Durch gesellschaft- liche Differenzierungen entstehen neue Bereiche, die schwerlich einem einzigen, vorgegebenen na- türlichen Ziel bzw. Gütekriterium unterworfen werden können. Infolgedessen entstehen unter- schiedliche kontextuelle Ziele, die zunehmend als von Menschen gemachte erkannt und begriffen werden. Ziele gelten damit immer weniger als na- türlich, sondern als verhandlungsfähig, der politi- schen Verständigung zugängig und konsensuell festlegbar. Die vielfältigen Bereiche wie Wirtschaft, Schule, Staat, Familie, Gesellschaft verfolgen zielgerichtet und bereichspezifisch unterschiedliche Systemlogi- ken und tangieren, beeinflussen oder dominieren auch die jeweils anderen Bereiche. Dies erschwert sowohl eine grundlegende wie auch bereichsspezi- fische Bestimmung der Leistung. Da sich die Ei- gendynamik und der Eigensinn der Kontexte auch losgelöst von den subjektiven Absichten und Zielen der beteiligten Subjekte her verstehen lassen, fo- kussiert sich das Verständnis auf die jeweilige Funk- tion des Bereichs. Die Bereichsfunktion bleibt al- lerdings an die Entfaltung und Entwicklung unterschiedlicher, menschlicher Vermögen zurück- gebunden und damit an die Frage gekoppelt, ob die durch das System vorgegebene Funktionalität mit der Entfaltung eines menschlichen Vermögens und seiner Zielhaftigkeit zusammenstimmt oder es verformt. Ein angemessenes und kritisches Ver- ständnis von Leistung kann daher nur im Hinblick auf die Dienstfunktion des jeweiligen Bereichs für das gesamte menschliche Leben und unter Rück- griff auf die als Wert erachteten menschlichen Ent- faltungspotenziale und deren diskursiv festgelegten Ziele gewonnen werden. Das Bereichs- und Zielverständnis menschlicher Tüchtigkeit veränderte sich seit der Neuzeit nach- haltig. Obwohl auch die christlichen Traditionen die antike Hierarchie innerhalb der menschlichen Vermögen (Denken vor Handeln, vor Sinnlich- keit und Lust) bejahten und unterstützten, plura- lisierte sich in der Neuzeit das Verständnis der Vielfalt und die Bewertung unterschiedlicher Ver- mögen. Für J. S. Mill galt die Vervollkommnung geistiger Vermögen im Bildungsprozess als ent- scheidend. Aber bereits er musste sich gegen an- dersartige Auffassungen abgrenzen, wenn er kon- statierte: „Besser ein unzufriedener Mensch als ein zufriedenes Schwein; besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr“ (Mill 1885, 18). Hier deutet sich bereits die sich wandelnde
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