Handbuch 5. Auflage

971 Lernen Von Günter L. Huber Einleitung Ein neugeborener Mensch ist mit den Reflexen und Ausdrucksformen ausgestattet, die er benötigt um in einer auf ihn ausgerichteten Umwelt über- leben zu können. Damit aus dem Neugeborenen ein erwachsener Mensch wird, der sich in einer Vielzahl verschiedenartiger Umwelten zurechtfin- den und sie umgekehrt auch nach seinen Bedürf- nissen und Wünschen beeinflussen kann, muss sich bei ihm mehr verändern als man mit den Mecha- nismen der Prägung durch die Umwelt oder Rei- fung von Anlagen erklären kann. Das komplexe Wechselspiel von Erbanlagen, Umwelteinflüssen und aktiver, autonomer Organisation der Umwelt durch den sich entwickelnden Menschen führt zu relativ dauerhaften Veränderungen, die wir als Ler- nen bezeichnen. Lernen zu können, aber auch ler- nen zu müssen ist nach einer anthropologischen Grundannahme ein wesentliches Merkmal des Menschen (Bollnow 1965). Lange wurden konträre Positionen vertreten, wo- nach entweder die genetische Ausstattung (nature) der Individuen oder aber die Ergebnisse äußerer Einwirkungen (nurture) auf die Individuen zur Er- klärung von Lernen ausreichend erschienen. Päd- agogisch folgenreich waren insbesondere Versuche, den relativen Anteil von Anlage- und Umwelt- bedingungen an den Veränderungen im Lebenslauf zu bestimmen (z. B. Bloom 1964), fruchtbar ge- worden sind allerdings erst Ansätze, die von einer dynamischen Wechselwirkung von Anlage und Umwelt ausgehen (z. B. Anastasi 1958; Cronbach 1957). Insbesondere bereitete diese Denkrichtung denWeg für Überlegungen zumVerhältnis interner Regulationsprozesse der Lerner und externer Steue- rungseinflüsse aus dem Erziehungsumfeld, d. h. für Überlegungen vor allem darüber, wie Lernschwie- rigkeiten erklärt werden können, was an einem Menschen überhaupt und wie lange pädagogisch veränderbar ist, welche Rückkopplungseffekte sich aus früheren Person-Umwelt-Interaktionen für spätere ergeben und wie stabil solche Effekte sind. Auch wenn in dieser Diskussion die subjektive Be- reitschaft der zu Erziehenden und ihre objektive Fähigkeit zu selbstverantwortlicher Veränderung immer wieder thematisiert wurden, haben häufig mehr der „output“, d. h. die objektiv messbaren Effekte pädagogischer Einwirkungen und die Frage der Machbarkeit solcher Effekte interessiert. Lernen: Produktperspektive versus Prozessperspektive Der Begriff „Lernen“ wird üblicherweise verwen- det, wenn man feststellt, dass jemand mehr oder anderes weiß oder kann als früher. Das können Vo- kabeln, Formeln, historische Zusammenhänge, Rad fahren, die Bedienung eines Mobiltelefons, Strategien der Gesprächsführung, Kontrolle von Ärger usw., eben all die Vielzahl von Kenntnissen und Fertigkeiten sein, die ein Mensch sich im Lauf seines Lebens aneignet – und das keinesfalls nur in dazu arrangierten Unterrichts- oder Trainingssitua- tionen. Gemeinsam ist diesem Gebrauch von „Ler- nen“, dass er an zumindest grundsätzlich beobacht- baren, registrierbarenVeränderungen desMenschen festgemacht ist. Nach der klassischen Definition von Hilgard und Bower (1981, 11) ist Lernen die Veränderung im Verhalten oder Verhaltenspoten- zial eines Menschen in einer bestimmten Situation, die durch wiederholte Erfahrungen dieses Men- schen in dieser Situation hervorgerufen wurde und die nicht durch angebotene Reaktionstendenzen, Reifung oder momentane Zustände (Müdigkeit, Trunkenheit, Triebzustände usw.) erklärt werden kann. Was sich verändert ist sehr vielgestaltig: mo- Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art090, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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